Eine Taube sitzt an einem Brunnen und trinkt Wasser

Die Stadttaube: Überlebenskünstlerin im Großstadtdschungel

Die Stadttaube oder auch Straßentaube (Columba livia f. domestica) stammt von der Felsentaube ab. Letztere wurde vor vielen Jahrhunderten vom Menschen domestiziert und fortan als Haustaube gehalten. Bereits 5.000 v. Chr. finden sich erste Hinweise für die Haltung von Tauben in Ägypten und Mesopotamien. Jahrhunderte lang hielt der Mensch Tauben für unterschiedliche Zwecke. Am bekanntesten sind die Brieftauben. Über lange Strecken hinweg trugen sie Nachrichten und waren ein wichtiges Mittel zur Kommunikation. Auch für ihr Fleisch und ihre Eier wurden sie gezüchtet.

Mit dem technischen Fortschritt verloren die Tauben weltweit jedoch zunehmend ihren Nutzen für den Menschen und wurden freigelassen. Die gezüchteten Tiere sind jedoch nicht für ein Leben in der Wildnis gemacht. Sie können nicht einfach wieder wie wilde Felsentauben leben. Durch ihre Domestizierung sind sie eng an den Menschen und damit an die Städte gebunden. Dort müssen sie sich mit Müll und Essensresten als Nahrung begnügen. Als Stadttauben kämpfen sie nun ums Überleben und zeigen dabei eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit.

Eine taube sitzt an einem Brunnen und schaut hoch  (Bild: Herwig Winter)

Aussehen

Eine Taube pickt am Bahngleis an einem Stück heruntergefallenem Brötchen  (Bild: Maja Döring)

Das Aussehen von Stadttauben kann sehr unterschiedlich sein, da Haustauben mit variablen Gefiederfärbungen gezüchtet werden und sich diese unter die Stadttauben mischen. Die meisten Stadttauben sehen mit ihren grauen Federn ihrem Urahnen, der Felsentaube, ähnlich. Oft sind sie in unterschiedlichen Grautönen gesprenkelt oder haben an den Flügelspitzen einen dunklen Streifen. Typisch sind auch grün und violett schimmernde Federn an Hals und Kopf. Nicht selten sieht man auch weiße Stadttauben, oft in Kombination mit braunen oder grauen Flecken. Die Stadttaube hat eine Körperlänge von circa 31 bis 34 cm und eine Flügelspannweite von bis zu 68 cm. Gut genährt wiegt sie etwa 350 g. Täuberiche sind etwas größer und schwerer als weibliche Tauben, unterscheiden sich in ihrem restlichen Aussehen aber nicht von ihnen.

Lebensraum

Stadttauben sind auf der ganzen Welt verbreitet und leben in Städten und Dörfern. Als Nachfahren der Felsentauben bevorzugen sie zum Brüten hohe Gebäude, Mauernischen und Brücken als Ersatz für Felsen. Bäume bieten der Stadttaube keinen geeigneten Brutplatz und werden nur in sehr seltenen Ausnahmen genutzt. Als Standvogel bleibt sie das ganze Jahr über am selben Ort und ist besonders standorttreu zu ihrem Zuhause. Dies war auch ein Grund für ihre Verwendung als Brieftaube, da sie immer zu ihrem Schlag zurückkehrt.

Nahrung

Tauben sammeln sich auf einer Wiese um an verstreuten Krümmeln zu picken  (Bild: Maja Döring)

Natürlicherweise ernähren sich Tauben hauptsächlich von Körnern und Samen. Auch Hülsenfrüchte eignen sich gut zum Füttern. Geeignet sind zum Beispiel getrockneter Mais und Erbsen, Sonnenblumenkerne, roher Naturreis und Getreidekörner. Bei der Nahrungssuche in den Städten sind die Vögel auf den Menschen angewiesen. Ohne diesen bleiben Essensreste aus Mülleimern und vom Boden ihre einzige Nahrungsquelle. Durch das falsche und mangelhafte Nahrungsangebot leiden die Stadttauben daher unter ständigem Hunger und Schmerzen.

Lebensbedingungen in Städten

Eine Taube sitzt aufgeplustert auf einem Bahnhofspint  (Bild: Maja Döring)

Die natürliche Lebenserwartung einer Haustaube liegt bei circa zehn Jahren. Stadttauben leben in den meisten Fällen hingegen nur zwei bis drei Jahre, was ihre schlechten Lebensbedingungen verdeutlicht. Das Füttern von Tauben gilt in vielen Städten als Ordnungswidrigkeit und wird mit einem Bußgeld geahndet. Abwehrmaßnahmen der Städte zwingen die Vögel dazu, auf kleinerem Raum zu leben. Zu viele Tauben müssen auf wenig Platz unterkommen, und so leiden sie unter sogenanntem Dichtestress. Auch Krankheiten verbreiten sich unter ihnen schneller. Viele Jungtiere sterben bereits innerhalb ihres ersten Lebensjahres.

Die Bedingungen zum Überleben der Stadttauben sind sehr schlecht. Warum gibt es jedoch trotzdem so viele von ihnen in den Städten? Auch das ist ein auf den Menschen zurückzuführendes Problem. Anders als Wildtauben brüten Stadttauben das ganze Jahr über. Dieser sogenannte Brutzwang ist angezüchtet. Er entspricht nicht ihrem ursprünglichen Brutverhalten. Die meisten Stadttauben sind durch ihre Unterernährung gar nicht im richtigen Zustand, um zu brüten, machen es aber trotzdem aufgrund des Brutzwangs und leiden deshalb unter Schmerzen und Erschöpfung. Um der extremen Vermehrung entgegenzusteuern, werden in Taubenschlägen viele Eier durch Attrappen ausgetauscht.

Brutverhalten

Das natürliche Brutverhalten von Felstauben umfasst in der Regel zwei Bruten pro Jahr. Durch Zucht wurde bei den Stadttauben ein ganzjähriges Brutverhalten mit bis zu sechs Bruten pro Jahr herbeigeführt. Die Elternvögel brüten gemeinsam für circa 18 Tage. Es dauert weitere 23 bis 25 Tage, bis die Jungvögel das Nest verlassen können und nicht mehr von den Eltern gefüttert werden müssen, bis sie schließlich mit etwa 30 bis 35 Tagen komplett selbstständig sind. Stadttauben brüten in Kolonien: Mehrere Taubenpaare brüten zur gleichen Zeit nebeneinander. Daher nutzen sie auch keine Nistkästen sondern benötigen Taubenschläge.

Charakter: Liebevoll und intelligent

Zwei Tauben kuscheln zusammen  (Bild: Maja Döring)

Wie auch wilde Taubenarten haben Stadttauben in der Regel einen Partner für ihr ganzes Leben und gehen sehr liebevoll miteinander um. Sie zeigen eindeutige Zuneigung, sowohl zu ihren Partnern als auch zu Menschen, indem sie kuscheln, und bilden starke emotionale Bindungen.

Tauben sind aber nicht nur liebevoll, sie gelten auch als intelligent. So besitzen die Vögel einen hervorragenden Orientierungssinn und können über weite Entfernungen hinweg wieder nach Hause finden. Wie genau sie sich orientieren, ist noch unklar. Wissenschaftler vermuten, dass sich die Vögel eine Mischung aus Merkmalen in der Landschaft, der Sonne, dem Erdmagnetfeld und ihrem Geruchssinn zunutze machen. Diese Fähigkeiten machen sie zu zuverlässigen Boten, die Nachrichten über Hunderte von Kilometern transportieren und dabei stets zu ihrem vertrauten Schlag zurückkehren. Daher ist eine Umsiedlung von Stadttauben, um die Population in Schach zu halten, nicht möglich. Die Tauben würden trotzdem zurück in die Stadt fliegen, die sie als ihre Heimat ansehen.

Tauben sind darüber hinaus in der Lage, sich Gesichter zu merken und diese mit positiven oder negativen Erfahrungen in Verbindung zu bringen, selbst wenn die Person andere Kleidung trägt. Sie verstehen zudem einfache Zahlenmuster und können Mengen zuordnen.

Vorurteile

Eine Taube von der Seite, die auf einer Wiese steht  (Bild: Maja Döring)

Heute bringen die meisten Menschen Stadttauben mit Krankheiten und Schmutz in Verbindung. Ganz zu Unrecht, denn Stadttauben sind keine größeren Krankheitsüberträger als andere Vogelarten. Die meisten Krankheiten sind gar nicht auf den Menschen übertragbar und somit ungefährlich für uns. Auch die Behauptung, Taubenkot wäre schädlich für Gebäudefassaden und alte Denkmäler, ist ein Irrtum. Taubenkot ist harmlos für Baustoffe und hinterlässt keine Schäden; er lässt sich zudem einfach durch Reinigung entfernen. Viele Menschen ärgern sich über den Kot, da er unschöne weiße, klebende Spuren hinterlässt. Diese Art von Taubenkot nennt man Hungerkot, der auf mangelhafte Ernährung zurückzuführen ist. Der Kot einer gesunden Taube ist fest und braun. Er fällt damit nicht weiter auf und klebt auch nicht an Gebäuden. Diese weitverbreiteten Falschaussagen sorgen dafür, dass Menschen Stadttauben als Plage betrachten.

Gefahren für Tauben: Von illegaler Tötung bis zu verletzenden Schnüren

Eine dünne Taube kauert sich auf einem Fenster zusammen, über ihr ist eine mit Spikes versetzte Stange  (Bild: Maja Döring)

Dass Tauben in den Städten unwillkommen sind, ist eindeutig zu sehen. An vielen Gebäuden und Oberflächen, die sich als Brutplatz oder Landemöglichkeit eignen würden, sind Abwehrmaßnahmen in Form von langen Metallspitzen, sogenannten Spikes, angebracht. Sie sollen die Tauben vom Landen abhalten. Oft versuchen die Tiere trotzdem dort zu landen und verletzen sich dabei schwer, was nicht selten zum Tod führt. Auch andere Vogelarten, die in Städten leben, können den Spikes zum Opfer fallen.

Neben diesen bereits sehr schlechten und leidvollen Lebensbedingungen gibt es immer wieder Personenkreise, die illegale Tötungsaktionen starten. Sie fangen Tauben beispielsweise in Netzen ein, um sie dann umzubringen, oder vergiften Körnermischungen, die sie an die Tauben verfüttern. Das ist nicht nur aus Tierschutzsicht inakzeptabel, sondern auch wirkungslos, denn aufgrund des sogenannten Brutzwangs erholen sich die Taubenbestände wieder schnell.

Stadttauben verbringen trotz ihrer Flügel mehr Zeit gehend auf dem Boden als fliegend in der Luft. Haare und Schnüre auf dem Boden in Städten können ihnen dadurch zum Verhängnis werden. Diese können sich um die Füße der Vögel wickeln – manchmal so fest, dass der Blutfluss in den Beinen abgeschnitten wird. Die Folge: einzelne Zehen oder sogar der ganze Fuß können absterben und abfallen. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern behindert die Tauben auch beim Laufen. Viele Tauben humpeln, da sie auf dem abgeschnürten Fuß nicht mehr stehen können, oder müssen auf nur einem Bein hüpfen. Ehrenamtliche rufen immer wieder zu Aktionen auf, bei denen sie Tauben mit verschnürten Beinen fangen, die Fäden aufschneiden und die Tauben anschließend wieder freilassen.

Maßnahmen für ein besseres Miteinander: Taubenschläge und Futterplätze

Viele Tauben picken an ausgestreutem Futter  (Bild: Maja Döring)

Eine mögliche Maßnahme, um das Leben von Stadttauben zu erleichtern, sind Taubenschläge: hochgelegene, großzügige Vogelhäuser, in denen mehrere Tauben Nistplätze finden und artgerechtes Futter sowie sauberes Wasser erhalten. Sie bieten den Tieren ein geschütztes Zuhause und sollen ihre Zeit auf Straßen und öffentlichen Plätzen verringern – was wiederum das Problem von Kot an Gebäuden mindern könnte. Ob und wie stark diese Effekte tatsächlich eintreten, ist jedoch wissenschaftlich nicht gesichert.

Die Einrichtung von Taubenschlägen ist aufwendig. Ehrenamtliche Helfer müssen regelmäßig füttern, Wasser erneuern und den Schlag reinigen. Zudem wird die Vermehrung teilweise über Attrappeneier reguliert: Tauben brüten auf diesen „Eiern“, erhalten eine Legepause und legen erst wieder, wenn keine Gefahr für die Küken besteht.

Auch der Standort führt regelmäßig zu Konflikten. Sinnvoll sind Schläge in Innenstädten, wo die meisten Tiere Unterstützung benötigen. Viele Anwohner empfinden sie jedoch als störend. Der Eindruck, dass ein Schlag mehr Tauben anlocke, entsteht vor allem, weil sich die Tiere vermehrt in der Nähe aufhalten – während in anderen Stadtteilen weniger Tauben sichtbar sind.

In vielen Städten ist das Füttern von Tauben verboten und wird mit Bußgeldern belegt. Als Begründung wird eine vermeintlich übermäßige Vermehrung genannt. Tatsächlich steigt die Reproduktionsrate durch Fütterung nicht; Tauben legen auch unter schwierigen Bedingungen weiterhin Eier.

Kontrollierte Futterplätze stellen eine weitere vielversprechende Möglichkeit dar, die Tiere artgerecht zu versorgen. Hierbei füttert täglich zur gleichen Zeit dieselbe Person. Futter wird nur in Mengen angeboten, die die Tauben in 10 bis 15 Minuten aufnehmen, und idealerweise auf Grünflächen mit Schutzmöglichkeiten wie Bäumen ausgelegt, um Konflikte mit Fußgängern oder Verkehr zu vermeiden. Futterplätze sollten jedoch stets in Abstimmung mit der Stadt eingerichtet werden, um ihre langfristige Nutzung zu sichern.

Über das Artenporträt

Das Artenporträt wurde von Maja Döring im Rahmen ihres Bundesfreiwilligendienstes (BFD) beim BUND Hessen erstellt. Ein wesentlicher Bestandteil des BFD ist die eigenständige Konzeption und Umsetzung eines kleinen Projekts. Interessierte finden weitere Informationen zum Bundesfreiwilligendienst beim BUND Hessen hier.

Taube in Not gefunden

Eine Taube liegt hinter einer Absperrung und stützt sich an einem Flügel ab  (Bild: Maja Döring)

Sie haben eine verletzte Taube gefunden und fragen sich, was Sie nun tun sollen? Auf keinen Fall sollten Sie das Tier ignorieren! Wichtig ist, die Taube zunächst zu sichern. Verletzte Tauben lassen sich leicht fangen, wenn man keine Scheu davor hat, zuzugreifen. Ideal für den Transport ist ein Karton mit Luftlöchern, aber auch ein Stoffbeutel eignet sich gut. Es gibt einige Taubennothilfen und Pflegestellen, die verletzte Tauben aufnehmen und versorgen. Diese sollten am besten vor der Übergabe informiert werden.

Woran erkennt man, dass eine Taube Hilfe braucht? Neben offensichtlichen Verletzungen und Blutungen ist ein wichtiges Anzeichen, dass sie nicht wegfliegt, wenn man auf sie zugeht. Auch wenn sich Tauben in Ecken oder an Mauern zusammenkauern, nicht mehr alleine stehen können oder nur ein Bein benutzen, sind sie meist in Not. Besonders Jungtiere und Küken, die auf dem Boden gefunden werden, brauchen immer Hilfe.

Bildverwendung

Die Fotografien von Herwig Winter dürfen unter Angabe von „(Foto: Herwig Winter)“ zu nicht‑kommerziellen Zwecken verwendet – allerdings nicht auf anderen Internetseiten veröffentlicht werden. Andere Verwendungszwecke müssen mit Herwig Winter abgesprochen werden. 

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(Grafik: Titelbild BUNDmagazin 1/2010: Uli Staiger/die lichtgestalten; Aras: Andy & Gill Swash (WorldWildlifeImages.com), Krabben: IUCN/Gabriel Davila, Wildkatze: Thomas Stephan)

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