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Pressemitteilung

Land plant Aussetzung des Gütesiegels FSC im Staatswald

17. Mai 2024

Naturschutzverbände und IG BAU fordern Erhalt der bisherigen Praxis bei FSC-Zertifizierung

Gemeinsame Pressemitteilung zur Plenarsitzung am 16. Mai

Wetzlar, Frankfurt, Echzell, den 16. Mai 2024

 

Mit großem Unverständnis haben die hessischen Naturschutzverbände NABU, BUND, HGON und die IG BAU Hessen auf den Dringlichen Antrag der Regierungsfraktionen CDU und SPD reagiert, in dem diese ein Aussetzen der FSC-Zertifizierung des gesamten Staatswaldes (342.000 ha) bis März 2028 fordern. „Die externe Überprüfung der anspruchsvollen ökologischen und sozialen Standards von FSC durch neutrale Auditoren und die damit verbundene Bürgerbeteiligung haben einen langjährigen Streit zwischen Forstwirtschaft und Naturschutz befriedet“, so Maik Sommerhage, Landesvorsitzender des NABU. Bei einem Verzicht auf diese Transparenz drohten wieder Misstrauen und Konflikte. Einen „Kurs der Konfrontation statt Kooperation“ sieht auch Jörg Nitsch, Landesvorsitzender des BUND in der neuen Linie der Landesregierung. Der FSC-Standard sei eine hohe Errungenschaft. FSC gewährleiste die gleichberechtigte Beteiligung von gesellschaftlichen Interessen durch ein Dreikammersystem, in dem Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialinteressen gleiches Stimmgewicht haben. Die Landesvertretungsvorsitzende der IG BAU Claudia Mävers betont: „Die FSC-Zertifizierung sehen wir weiterhin als Garant für die Mitsprachemöglichkeit der im Wald arbeitenden Menschen und die Qualität der Bewirtschaftung“.

Die Regierungskoalition begründet das Aussetzen der FSC-Zertifizierung auch mit dem Austritt der IG BAU aus FSC, was zu einer Nichtwahrnehmung der Aufgaben der dortigen Sozialkammer führe. Mävers stellt dazu klar: „Der Austritt der IG BAU resultiert aus dem Verhalten einzelner FSC-Akteure, also aus einem Dissens bezüglich der inneren Abläufe. Die Kritik richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Sinnhaftigkeit des FSC und die Wirkungen der Zertifizierung. Dazu stehen wir weiterhin.“ Der NABU betont, die Aussage der Regierungsfraktionen, die Sozialkammer könne ihre Aufgaben derzeit nicht mehr wahrnehmen, sei falsch: „Erstens setzt die Sozialkammer von FSC ihre Arbeit wie gewohnt fort und zweitens gilt der von der IG BAU mitentwickelte Sozialstandard unvermindert weiter“, so Andrea Pfäfflin, Waldexpertin im Landesvorstand des NABU.

Ziel der Regierungskoalition ist laut dem Antrag eine Evaluierung der Wirkung der FSC-Standards. Geprüft werden soll, „ob sich die waldbaulichen und naturschutzfachlichen Ziele ohne Anwendung dieser Standards und unter Berücksichtigung der Auswirkungen des Klimawandels effizienter und unbürokratischer erreichen lassen“. Die Regierungsfraktionen wollen aber, dass für die Zeit der Evaluierung „die bisher geltenden Richtlinien für die Bewirtschaftung des Staatswaldes Anwendung finden“. Damit sei die Einhaltung der hohen Standards von FSC erst einmal gesichert, so verstehen es die Naturschutzverbände. Denn die Naturschutzleitlinie für den hessischen Staatswald beinhalte die Einhaltung der FSC-Standards. Und diese Naturschutzleitlinie ist auch Bestandteil der Richtlinie für die Bewirtschaftung des Staatswaldes (RiBeS). Die forstliche Praxis werde also offenbar weitergeführt, nur eben ohne externe Kontrolle und unter Verzicht auf die Verwendung des FSC-Zertifikats.

Aus Sicht der Naturschutzverbände sei nicht nachvollziehbar, welchen Vorteil dieser Schritt haben soll. Eine Evaluierung sei problemlos auch ohne einen Austritt bei FSC möglich. „Einen Rückschritt in die Vergangenheit ohne Not“ sieht auch Tobias Reiners von der HGON, denn im Koalitionsvertrag sei ein Ausstieg aus der FSC-Zertifizierung gar nicht vorgesehen. „Die Pflichten des Landes bleiben gleich, die Kosten auch, es kommt nur ein großer Imageverlust für das Land Hessen und seinen Landesbetrieb HessenForst hinzu“, so Pfäfflin. „Wer möchte denn ein Auto ohne TÜV-Plakette kaufen, nur weil der Verkäufer verspricht, alles wäre schon in Ordnung?“, so Pfäfflin. Das Vertrauensverhältnis zwischen Naturschutz und Forst könne nur bestehen bleiben, wenn bis 2028 und darüber hinaus die Einhaltung der hohen Standards extern kontrolliert werde.

 

Hintergrund

Seit 2015 wird der Landesbetrieb HessenForst mit dem FSC-Zertifikat ausgezeichnet. Seitdem überprüft jährlich ein externer Auditor die Einhaltung der Standards. Diese sorgen dafür, dass stabile, naturnahe Mischwälder im hessischen Staatswald etabliert und erhalten werden. Dies sei gerade im fortschreitenden Klimawandel notwendig. Die FSC-Zertifizierung habe in den letzten sieben Jahren nachvollziehbar positive Veränderungen bewirkt, so die Verbände. Denn im Laufe der Jahre wurden in den Überprüfungen immer weniger Korrekturmaßnahmen formuliert. Im sozialen Bereich beträfe das auch die Menschen, die im Wald arbeiten. FSC trage zu besserem Arbeits- und Gesundheitsschutz bei.

Die ökologischen Vorteile der FSC-Zertifizierung zeigen sich bereits heute in konkreten Verbesserungen für unsere Umwelt. Der ökologische Unterschied zwischen der Bewirtschaftung vorher und der heutigen wird zum Beispiel an den Biotopbäumen deutlich. Die Anzahl dieser Bäume pro Hektar wurde von drei auf zehn deutlich erhöht, was langfristig die Grundlage für ein Netz uralter Baumveteranen schafft. Diese Bäume sind entscheidend für das Überleben zahlreicher, hochspezialisierter Pilze und Insekten. Auch das Verbot von Pflanzenschutzmitteleinsatz, keine flächige Befahrung mit schweren Erntemaschinen und die strenge Begrenzung von Kahlschlägen haben direkte Auswirkungen auf die Umwelt. Die FSC-Zertifizierung habe auch dafür gesorgt, dass sich auf 10% der Staatswaldfläche natürliche Wälder ohne forstliche Nutzung entwickeln dürfen. Dies diene nicht nur dem Artenschutz, sondern auch der Kohlenstoffspeicherung und damit dem Klimaschutz.

Die FSC-Standards werden bei FSC in einem Dreikammersystem aus Wirtschaftskammer, Sozialkammer und Umweltkammer gemeinsam erarbeitet. Da das Einstimmigkeitsprinzip gilt, sind alle Standards ein Kompromiss der verschiedenen Interessen. Eine Überprüfung „ob eine Weiterentwicklung des Standards, die den klimabedingten Anforderungen an den Waldumbau sowie den ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen einer effizienten Waldbewirtschaftung gerecht wird, möglich ist“, wie es die Regierungsfraktionen fordern, sei unnötig, so die Verbände. Natürlich könne der Standard von den drei Kammern weiterentwickelt werden. Zuletzt wurde der Standard (2018) in einem aufwändigen Prozess aktualisiert.

Sehr verwundert sind die Naturschutzverbände auch über den schlechten Kommunikationsstil der Landesregierung: Weder der Beirat der Landesbetriebsleitung von HessenForst noch der Landesnaturschutzbeirat seien bisher beteiligt worden bei der Frage, ob ein Aussetzen der FSC-Zertifizierung erfolgen soll.

Angesichts des sich rasant verändernden Klimas stehen die Wälder vor großen Herausforderungen. Die meisten Experten sind sich einig, dass der Waldumbau in den letzten Jahrzehnten vielerorts mit zu wenig Engagement angegangen wurde. Umso wichtiger sei es jetzt, die richtigen Weichen zu stellen, so die Naturschutzverbände. Eine FSC-Zertifizierung stelle ein klimaangepasstes Waldmanagement sicher. Dazu gehöre es auch sicherzustellen, dass die Wildbestände nur so hoch sind, dass sich heimische, standortgerechte Baumarten noch natürlich verjüngen können.

PM_35_2024_NABU-BUND-HGON-IGBAU PM zu FSC-Ausstieg Hessen.pdf

Für Rückfragen:

Andrea Pfäfflin, Landesvorstand NABU Hessen, Tel. 06081-16132

Mark Harthun, Geschäftsführer Naturschutz NABU Hessen, Tel. 0170-3652404 (bitte ggf. auf Mobilbox sprechen)

 

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