Trockengefallen: Die Bracht ist ein Zufluss der Kinzig im Vogelsberg und im hessischen Main-Kinzig-Kreis.
(Foto: IGWasser)
Ein Fachbeitrag verfasst von Dr. Thomas Kluge und Wolf-Rüdiger Hansen (Stellv. Sprecher des Landesarbeitskreis Wasser des BUND Hessen) – mit Bildergalerie zur Bachflora
Unsere natürlichen Wasserressourcen sind einem zunehmenden Nutzungsstress ausgesetzt: Einerseits werden die Folgen des Klimawandels immer deutlicher, andererseits wächst der Trinkwasserbedarf kontinuierlich an. Dies gilt sowohl für die öffentliche Wasserversorgung als auch für Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft. Dabei konkurrieren die verschiedenen Nutzungsarten miteinander. So kommen in Trockenjahren bzw. Trockenperioden die vorhandenen Wasserspeicher und Grundwasserkörper an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Nur nachhaltige Lösungen können hier Abhilfe schaffen. Brennpunkte dieser Entwicklung sind Ballungsräume wie die Regionen Berlin, Hannover, Hamburg, München oder der Großraum Rhein-Main mit Fernwasserversorgung. In ländlichen Gebieten kam in den vergangenen Jahren der Bedarf der Feldberegnung hinzu, deren Wasserrechte die bewilligten Mengen der öffentlichen Trinkwasserversorgung teilweise deutlich überschreiten. Noch nicht absehbar ist die Höhe des Wasserbedarfs zur Kühlung künftiger Rechenzentren.
Vor diesem Spannungsfeld eines bereits jetzt überbeanspruchten Grundwasserhaushaltes werden Auswirkungen bei Bächen in Mittelgebirgen sichtbar, z. B. wenn diese in ihren Oberläufen über Monate hinweg trockenfallen und Flora und Fauna zugrunde gehen. Dafür wird hier ein neuer Ansatz zu Umweltinformation und Bachmonitoring am Beispiel der Bracht geschaffen, die im südlichen Vogelsberg in die Kinzig mündet. Hier liegen auch die Grundwasserpumpen des örtlichen Wasserversorgungsunternehmens, das einen großen Teil des gewonnenen Trinkwassers in den ca. 70 Kilometer entfernten Großraum Frankfurt liefert.
Wir fordern, hier ein „Gläsernes Einzugsgebiet“ zu schaffen, in dem kontinuierlich Eingangsparameter wie Niederschlag, Zufluss im Oberlauf, Entnahmemengen vom Grundwasser und Grundwasserstände in einem öffentlich zugänglichen Internetportal in Echtzeit sichtbar gemacht werden sollen. So können Bürger vor Ort ihre eigene Betroffenheit auf Grundlage realer Daten abschätzen, für sie wichtige Zielgrößen und Grenzwerte erkennen und Auswirkungen einordnen. Bisher sind sie auf die Mutmaßungen der Behörden angewiesen. Bürger können diese Daten jederzeit einsehen oder herunterladen. Eine nachträgliche Veränderung wird damit unmöglich. Durch diese Transparenz wird Vertrauen geschaffen. Das Tal der Bracht ist ein beispielhaftes Gebiet mit Quellen, Feuchtgebieten und kleinen Mittelgebirgsbächen.
Solche Quellgebiete und Oberläufe sind einzigartig, weil in ihnen einmalige Lebensgemeinschaften existieren – Hotspots für Biodiversität. Hier leben hochspezialisierte Arten, die vom Aussterben bedroht sind: z.B. die Rhön-Quellschnecke, die nur noch in wenigen Quellgebieten im Vogelsberg und in der Rhön vorkommt. Sie braucht kaltes und sauberes Wasser mit 6 bis 8 Grad Celsius, um sich von nur dort existierendem Bakterienrasen ernähren zu können. Ähnlich gefährdet sind Flussperlmuschel, Steinkrebs, Forelle, Groppe, Bachflohkrebs und Feuersalamander. Insgesamt leben hier über 500 hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten. Fällt so ein Bach trocken, dann verbleiben allenfalls Tümpel und Pfützen (sogenannte Kolken), die sich schnell erwärmen. Kälteliebende Fische wie Bachforellen oder Äschen können dann nicht mehr in die kühlen Oberläufe ausweichen und nicht mehr laichen. Sie sterben dann.
Ein systematisches Monitoring von kleinen Bächen und ihren Quellaustritten wäre von großer Bedeutung, da solche Biotope bislang nur unzureichend dokumentiert sind. Betrachtet werden müssten der Normalverlauf, das Verhalten bei Starkregen, das temporäre Trockenfallen sowie das zeitweise Versiegen von Quellen. Damit würde erkennbar, in welchem Umfang aquatische Lebensgemeinschaften zerstört werden.
Klimabedingte Störungen der Grundwasserneubildung — Auswirkungen auf obere Bachläufe und Quellen
Im Winter und Frühjahr fallen Niederschläge, also Regen und Schnee, bei fast fehlender Verdunstung. In dieser Zeit füllen sich normalerweise die Grundwasserspeicher durch Versickerung. Die Bäche fließen munter. Im Zuge des Klimawandels werden jedoch die Winter kürzer, Schneedecken werden dünner oder bleiben aus, die Verdunstung durch Pflanzentranspiration setzt früher ein. Damit nimmt das Sickerwasser ab und führt schon zum Sommer hin zu schwächelnden Grundwasserkörpern.
Naturnahe Oberläufe der Mittelgebirgsbäche, die nicht durch Grundwasserentnahmen beeinträchtigt werden, sind hingegen Inseln der Kühlung und Garant für Feuchte in Waldgebieten und Mooren. Solche naturnahen Oberläufe haben eine gute Resilienz und überstehen auch längere Trockenperioden. Finden am Bachlauf aber Grundwasserentnahmen statt und bauen sich gleichzeitig lange Trockenperioden auf, dann versiegen die Quellen. Oberläufe, Uferrandstreifen, Auen und weitere Landflächen erhitzen sich und fallen trocken. Über solchen Flächen erreicht die Atmosphäre keinen Sättigungspunkt mehr. Ein möglicher Attraktor für Regen und Gewitter fällt in sich zusammen, was zur Selbstverstärkung von Dürre und Trockenheit führt. Eine ganze Landschaft wird zum Risikogebiet: Es drohen Waldbrände mit daraus resultierendem akuten Löschwasserbedarf, und die Vernichtung einzigartiger Lebensgemeinschaften. So sind die oberen Mittelgebirgsbäche in eine vernetzte Gefahrenlage eingebettet.
Bachmonitoring an der Bracht im Vogelsberg
Die Bracht fließt im Südlichen Vogelsberg, im Oberlauf ein typischer Mittelgebirgsbach. Wie eine Perlenkette reihen sich auf beiden Seiten des Baches Trinkwasserbrunnen, die in großen Mengen Wasser nach Frankfurt liefern. Gegen die übermäßigen Grundwasserentnahmen und für den Erhalt des Bachlaufes hat sich die Bürgerinitiative IGW (Interessengemeinschaft Wasser) in Birstein gebildet. Bürger vor Ort beobachteten, wie über die Jahre der Bach im Oberlauf wegen der Grundwasserentnahmen auf vielen Strecken trockenfiel. Zuvor lebten in diesen Bachabschnitten jede Menge Forellen, die sie als Kinder noch mit der Hand fingen, sowie Groppen (kälte- und klarwasserliebende Fische).
Die Vogelsberggemeinde Birstein hat durch ein Ingenieurbüro im Oberlauf der Bracht vor und nach den Grundwasserentnahmestellen Messtellen eingerichtet, die die genaue Durchflussmenge aufzeichnen. So werden im Zeitverlauf der Trockenabfluss und der verbleibende Grundwasser-Basisabfluss ermittelt. Daraus wird die Absenkung des Grundwasserspiegels erkannt. Die Absenkung kann so stark werden, dass auch Bachwasser ins Grundwasser gezogen wird und die Quellen versiegen.
Der Wasserverband Main-Kinzig als Brunnenbetreiber bestreitet den Zusammenhang von Grundwasserentnahme und Bachveränderung. Das Grundwasser werde aus tieferen Stockwerken entnommen und diese kommunizierten nicht mit dem hoch anliegenden Grundwasserkörper. Das Trockenfallen von ganzen Bachabschnitten sei naturbedingt und dem Klimawandel geschuldet. Ziel des hier dargestellten Bachmonitorings ist, diesen Sachverhalt exakt zu klären.
Mit dem Klimawandel wird diese Problematik immer deutlicher: Was ist hier durch Abpumpen des Grundwassers bedingt und was durch die Folgen des Klimawandels? Ohne Messeinrichtungen für kleinere Gewässer kann man leicht alles auf den Klimawandel schieben. Hat man aber dem hydrogeologischen Standort angepasste – möglichst landesweite – Messeinrichtungen und -programme, dann können die Ursachen objektiv erkannt und mögliche Maßnahmen zur Rettung der Quellen und Sicherung der oberen Bachläufe eingeleitet werden. Grundwasserentnahmen können gezielt reduziert werden, Wasser aus in nahgelegenen Wald- und Wiesengebieten vorsorglich angelegten Teichen oder Mulden könnte den Bächen zur Sicherung des Niedrigfließwassers zugeführt werden.
Notwendige Vorsichtsmaßnahme
Die Rettungsmaßnahmen für das Fließwasser bedeuten jedoch Zustrom warmen Wassers in den Bach. Kaltwasserliebende Arten (Kaltwasserstenotherme) können darin nicht überleben. Nur die anlassbezogene Reduktion der Grundwasserentnahme kann den natürlichen Zustand des Wassers aufrechterhalten und das Überleben der aquatischen Kaltwasserlebensräume sichern.
Verwendete Literatur:
- Stefan Zänker: Quellenforschung – Magazin Nationalpark 2/ 2025, S 12 ff
- Umweltbundesamt: Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserverfügbarkeit – UBA 143/2024
- Christoph Chucholl, Sara Oexle, Alexander Brinker: Fische in der Klimakrise – denn wir wissen, was kommt. Zeitschrift für Fischerei 3 - 12, Nr. 21/2023
- Thomas Kluge, Christoph Treskatis: Nach der Dürre kam der Dauerregen-Herausforderungen für die Wasserwirtschaft in den Mittelgebirgsregionen – Magazin gwf Wasser/ Abwasser 5/2024 121 ff
Bachfauna in Bildern
Die Galerie gibt Einblicke in den Lebensraum Bach und zeigt sowohl seine Artenvielfalt als auch die Folgen von Trockenperioden.
Bracht, ein Zufluss der Kinzig im Vogelsberg und im hessischen Main-Kinzig-Kreis, bei normaler Wasserführung
(Foto: IG Wasser)
Groppe: Ein kleiner Bodenfisch und typischer Bewohner klarer, sauerstoffreicher Fließgewässer.
(Foto: Dr. Julian- Taffner (Terra Aliens))
Gehäuse der Rhön-Quellschnecke im Größenvergleich: Sie sind kleiner als ein Stecknadelkopf.
(Foto: Stefan Zaenker)