Der Neuntöter (Lanius collurio) verdankt seinen martialischen Namen einer unter Singvögeln ungewöhnlichen Verhaltensweise. Beutetiere, mit Vorliebe Großinsekten, aber hin und wieder auch einmal junge Eidechsen oder Blindschleichen, pflegt er gelegentlich auf Dornen oder Stacheln von Sträuchern wie beispielsweise Schwarzdorn oder Heckenrosen aufzuspießen. Der Volksmund sagt ihm deshalb nach, er würde erst neun Beutetiere töten, bevor er eines verzehre. In Wirklichkeit hat dieses Verhalten zweierlei Hintergründe: Zum einen dient es der Bearbeitung der Beute dergestalt, dass der harte Chitinpanzer vor dem Verfüttern an die Jungvögel wenigstens teilweise entfernt werden kann, zum anderen wird auf diese Art und Weise eine gewisse Vorratshaltung betrieben. Vor allem in Regionen mit sehr wechselhafter Witterung im Frühsommer wie beispielsweise auf den britischen Inseln ist dieses Verhalten des Neuntöters besonders ausgeprägt. Denn bei länger andauernden Regenperioden hat er große Probleme, genügend Beutetiere für die Aufzucht seiner Jungen zu jagen. Sein Jagdverhalten ist recht auffällig dadurch, dass er von einer erhöhten Sitzwarte aus ähnlich einem Greifvogel blitzschnell zu Boden stürzt, um sein Beutetier mit dem leicht hakenförmig gebogenen Schnabel zu packen.
Als Brutbiotop benötigt er offenes Gelände mit vielen dornigen Hecken. Vor allem die Tatsache, dass in den letzten Jahren immer mehr vor allem in den Mittelgebirgen aufgegebene landwirtschaftliche Nutzflächen ohne Pflege verbuschen, kommt dem Neuntöter sehr entgegen. Lange Zeit auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft, verzeichnet er derzeit in manchen Gebieten eher einen Aufwärtstrend. Dort allerdings, wo Intensivlandwirtschaft die Landschaft ausgeräumt hat und mit Pestiziden seine Nahrung vergiftet, trifft man den Neuntöter nicht mehr an.