Umfrage 2010 – Förderprogramme hessischer Energieversorger mit Stromvertrieb unter der ökologischen Lupe

Titelblatt Umfrage 2010 – Förderprogramme hessischer Energieversorger mit Stromvertrieb unter der ökologischen Lupe
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Ergebnisse einer Befragung der Energieversorgungsunternehmen in Hessen für das Jahr 2010

Bereits das vierte Mal befragte der Arbeitskreis Energie im BUND Hessen 2010 die hessischen Energieversorgungsunternehmen (EVU) nach Förderprogrammen für ihre Tarifkunden. Ein Schwerpunkt dabei war – wie in den Jahren 2003, 2004 und 2007 – die Bewertung der ökologischen Auswirkungen der verschiedenen Fördermaßnahmen.

Der Hintergrund

Der Stromverbrauch in Deutschland steigt seit 1990 fast kontinuierlich. Lediglich im Jahre 2009 gab es einen krisenbedingten Abfall des Strombedarfs. Dem gegenüber steht die Forderung, den CO2-Ausstoß deutlich zu senken, um dem Klimawandel Einhalt zu gebie-ten. Deutschland hat deshalb zugesagt, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40% gegenüber 1990 zu senken. Ein unlösbares Problem?

Stromversorger vertreiben ein Massenprodukt; seine Produktion geht mit einer enormen Umweltbelastung einher. Fast 40% des Klimagases CO2 stammen aus Kraftwerken.  Die kühlungsbedingte Abwärme stellt eine der größten Belastungen für unsere Flüsse dar. Hinzu kommen Ressourcenverbrauch, Landschaftseingriffe und sonstige Emissionen.

Aber es gibt andere Wege, die unsere Umwelt  schützen ohne dabei unseren Lebensstan-dard aufgeben zu müssen. Statt immer mehr Energie zu verbrauchen, müssen endlich die Möglichkeiten der Energieeinsparpotentiale genutzt werden. Laut einer Studie von Prognos aus dem Jahre 2009 ist bis zum Jahre 2020 eine Stromeinsparung von mindestens  70 TWh möglich. Dadurch ließen sich jährlich etwa 43 Mio. Tonnen CO2  vermeiden.

Der BUND sieht daher die EVU mit Stromvertrieb in der Verantwortung, die effiziente Nut-zung elektrischer Energie bei ihren Kunden ernsthaft zu fördern. Leider sind nicht alle För-derprogramme der Energieversorger zum Schutz der Umwelt und Ressourcenschonung geeignet. Manche müssen weiterhin eher als schlecht beurteilt werden, da sie nicht dem effizienten Umgang mit elektrischer Energie dienen. Insgesamt gibt es leider einen leichten Trend hin zu etwas mehr aber ökologisch schlechten Förderangeboten, auch wenn einzel-ne Programme durchaus überzeugen konnten. Von den 48 hessischen EVU mit Stromver-trieb haben 24 dem Arbeitskreis Energie Mitteilung über ihre Förderprogramme für Tarif-kunden im Jahr 2010 gemacht. Die Fördermaßnahmen wurden nach den fünf Kategorien Effizienzmaßnahmen, Erneuerbare Energien, Messungen und Analysen, Umstellungen auf Erdgas und Steigerung des Stromabsatzes aufgeschlüsselt.

Die Auswertung

Die Auswertung zeigt, dass nur fünf Programme mit befriedigend oder besser bewertet werden konnten. Mit sehr gut oder gut wurden nur die Programme der Stadtwerke (SW) Marburg, SW Hanau, Mainova Frankfurt und ESWE Wiesbaden beurteilt. Als schlecht wurden die Programme von SW AG Kassel und SW Bebra beurteilt. Hier war es die Förderung des Energievergeuders Raumklimagerät, die zur Abwertung führte.

Prof. Hans Ackermann, Leiter des Arbeitskreises Energie: „Insgesamt dienen bedauerlicherweise bei neun EVU in Hessen Förderungen der Absatzsteigerung, wohingegen Effizienzmaßnahmen leider viel zu selten gefördert werden. Dennoch geben wir die Hoffnung nicht auf, mit unserer Untersuchung Anstöße zur Verbesserung oder Neueinrichtung sinnvoller Förderprogramme geben zu können.“

Diese Untersuchung ist auch im Internet unter www.bund-hessen.de dargestellt. Dort werden ggf. auch Aktualisierungsmeldungen in der Tabelle der Fördermaßnahmen berücksichtigt.
Die Umfrage und die Bewertungskriterien lehnen sich eng an die Vorläuferuntersuchungen in den Jahren 2003, 2004 und 2007 an. Wir verweisen daher für detaillierte Erläuterungen auf die Texte der Vorjahre, die ebenfalls im Netz stehen, und fügen bevorzugt bei neuen Aspekten Erläuterungen ein.

Unverändert bleibt, dass nur Förderungen für Tarifkunden betrachtet werden und Förderungen für gewerbliche Kunden, öffentliche Einrichtungen, Kommunen und dgl. nicht Gegenstand der Untersuchung sind. Jedoch werden Maßnahmen berücksichtigt, die auch generell Privatpersonen der Region in Anspruch nehmen können, wie z. B. Kfz-Umrüstungen auf Erdgas oder die Nutzung von Erdgas- oder Rapsöltankstellen.

Motivation und Umfang der Untersuchung

Der Verbrauch von Energie geht mit großen Umweltbelastungen und Konfliktpotenzialen einher. Die Klimaveränderung hat bereits begonnen, Schlagworte wie CO2-Emissionen und Treibhauseffekt, Ausbeutung endlicher fossiler Ressourcen, Gefahren der Atomenergienutzung und Kriege um Öllagerstätten sind uns alle geläufig. Zur Abmilderung dieser Risiken stehen drei Maßnahmenbündel zur Verfügung: Effizienter Umgang mit Energie, wachsender Einsatz erneuerbarer Energien und rascher Ausstieg aus der Atomenergienutzung.

Eine vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebene Studie des Forschungs-Verbunds Erneuerbare Energien mit dem Titel „Eine Vision für ein nachhaltiges Energiekonzept auf Basis von Energieeffizienz und 100% erneuerbaren Energien“ vom Juni 2010 zeigt, dass ein Umstieg zu 100% Erneuerbare Energien bis zum Jahre 2050 möglich ist. Dabei wird die Erhöhung der Energieeffizienz als strategische Aufgabe mit höchster Priorität behandelt.  

Neben der umweltschonenden Energieerzeugung muss den Energieversorgungsunternehmen auch die effiziente Nutzung beim Verbraucher ein Anliegen sein. Jeder Vertreiber eines Produkts, insbesondere gilt dies für ein Massenprodukt wie elektrische Energie, ist mitverantwortlich für dessen umwelt- und sozialverträgliche Nutzung beim Kunden. Die EVU haben die Möglichkeit, bereits mit geringen Förderungen schnell eine Wirkung zu erzielen – hat doch der Verbraucher einen finanziellen Anreiz in doppelter Form: Er bekommt eine Förderung beim Umsetzen der Maßnahmen UND spart Energie und somit Geld in Zukunft.

Die vorliegende Untersuchung kann und soll keine umfassende Bewertung der EVU sein, da nur stromliefernde EVU einbezogen wurden. Reine Gas- oder Gas/Wasser-Versorger sind also nicht eingeschlossen. Auch wichtige andere ökologische Kriterien, wie z.B. die Erstellung eines Umweltberichts, der Betrieb eigener regenerativer oder Kraft-Wärme-gekoppelter Stromerzeugungsanlagen bleiben in dieser Untersuchung unberücksichtigt. Jedoch stellt das Förderverhalten der EVU schon für sich allein ein wichtiges Element zur Beurteilung des ökologischen Verantwortungsbewusstseins eines EVU dar und kann daher für ein grobes Öko-Ranking innerhalb der hessischen Strom-EVU verwendet werden.

Befragung und Ergebnisse

Die Tabelle mit Erläuterungen gibt eine Gesamtübersicht. Die EVU wurden bis zu zweimal angeschrieben und um die Zusendung von Informationsmaterial in der Form gebeten, wie es auch den Kunden zur Verfügung gestellt wird.

Der BUND-Arbeitskreis Energie Hessen führt die in der Tabelle dargestellten Daten nach bestem Wissen, kann aber keine Gewähr für Vollständigkeit und Fehlerfreiheit übernehmen. Für die Meldung von Irrtümern oder Änderungen sind wir dankbar und werden diese bei Aktualisierungen der Internetdarstellung berücksichtigen.

Wie die Tabelle zeigt, haben 24 (50%) der EVU geantwortet, Förderprogramme führen 15 (31%) EVU. Wie bereits in den Vorjahren werden Effizienzmaßnahmen und Erneuerbare Energien mit 8 (17%) bzw. 5 (10%) der EVU nur wenig gefördert.  Messungen, ... beim Kunden werden von 10 (21%) EVU gefördert, erfreulicherweise nicht nur durch den Verleih von Strommessgeräten.

Maßnahmen, die der Absatzsteigerung dienlich sind, erfreuen sich höherer Förderquoten. So werden Umstellungen auf Erdgas von 12 (25%) EVU gefördert, wobei neben der Umstellung des Heizsystems auch andere Maßnahmen in 7 (15%) der Fälle gefördert werden. Steigerung Stromabsatz ist 9 (19%) der EVU ein Förderanliegen, wobei fast durchweg Wärmepumpen („mit regenerativer Komponente“) gefördert werden. Positiv ist sicher, dass im Vergleich zur Befragung 2007 keine direkten Stromheizungen mehr gefördert werden, aber leider unterstützen nun neu zwei der befragten EVU Raumklimageräte.

Bewertungen, Gesamturteile

In den fünf Maßnahmenrubriken Effizienzmaßnahmen, Erneuerbare Energien, Messungen..., Umstellungen auf Erdgas, Steigerung Stromabsatz werden die Bewertungen  ++, +, o, -, --  vergeben.

Die Notenskala des Gesamturteils in der vorletzten Spalte umfasst sehr gut (1), gut (2), befriedigend (3), ausreichend (4), nicht genügend (5), schlecht (6).  Die Note „schlecht“  drückt aus, dass das Förderprogramm ökologisch mehr schadet als nützt und daher schlechter einzustufen ist als Fehlanzeigen, die mit „nicht genügend“ benotet wurden.

Fördermaßnahmen, die der Steigerung der Nutzungseffizienz oder dem Ausbau erneuerbarer Energien dienen, haben hohes positives Gewicht. Sie sind geeignet, den Energieverbrauch zu senken und weisen darauf hin, dass sich das betreffende EVU (zumindest teilweise) auch als verantwortungsbewusster Energiedienstleister versteht.

In leicht abgeschwächtem Maße trifft dies auch auf die Rubrik Messungen zu. Das Erkennen von Schwachstellen der Dämmung, von Stromfressern, die Erstellung von Analysen mit Effizienzempfehlungen sind Voraussetzungen für sinnvolles Handeln der Kunden.

Bewertungen in der Rubrik Umstellungen auf Erdgas werden für das Gesamturteil nicht berücksichtigt. Zum einen soll eine partielle Beurteilung von Gasversorgern vermieden werden, zum anderen kann hier die Absatzförderung Haupttriebfeder der Förderung darstellen.

Die Rubrik Steigerung Stromabsatz ist unterteilt in Maßnahmen mit und ohne regenerative Komponente, also elektrische Wärmepumpen zum einen und elektrische Widerstandshei-zungen zum anderen. Elektrische Wärmepumpen bewirken primärenergetisch – im Vergleich zur Wärmeerzeugung mit Gas oder Öl – in der Regel keinen Einspareffekt. Sie werden daher mit „o“ bewertet. Dagegen sind elektrische Wärmeerzeuger große Energievergeuder mit miserabler Emissionsbilanz: also Direktheizungen, Heizungen in Klimageräten, Durchlauferhitzer u. dgl. Solche Fördermaßnahmen führen daher zum Gesamturteil „schlecht“. Die beiden betroffenen EVU Städtische Werke Kassel und Stadtwerke Bebra würden der Umwelt mehr dienen, wenn sie überhaupt kein Förderprogramm auflegten. Ein Fortschritt ist, dass E.ON Mitte AG Kassel auf diese Förderung, die 2007 noch durchgeführt wurde, mittlerweile verzichtet.

Insgesamt ergibt sich für die Förderprogramme 2010 folgende Reihenfolge:
Wertung Anzahl EVU EVU (Wertungen 2007)
1 sehr gut 2 SW Hanau (2), SW Marburg (1)
2 gut 2 Mainova Frankfurt (2), ESWE Wiesbaden (2)
3 befriedigend 1 OVAG (5)
4 ausreichend 1 Kreiswerke Main-Kinzig (4)
5 nicht genügend 7 Nennungen siehe Tabelle
6 schlecht 2 Städtische Werke AG Kassel (5), SW Bebra (5)
- kein Förderprogramm 9 Nennungen siehe Tabelle
- keine Rückmeldung 24 Nennungen siehe Tabelle

Fazit

Auch in der Umfrage des Jahres 2010 können nur wenige hessische (Strom) Energieversorgungsunternehmen überzeugen, das Gesamtergebnis ist weiterhin enttäuschend. Wenige Unternehmen haben Förderprogramme aufgelegt. Das Ziel, zukunftsfähige Energieformen und damit den Klimaschutz zu fördern, wird oft nicht damit erreicht.

Der BUND Landesverband Hessen hofft mit der vorliegenden Umfrage neben der Aufklärung der Kundinnen und Kunden einen Anlass für die EVU zu geben, ihre Fördermaßnahmen zu überdenken, auszubauen und verstärkt in Richtung Klimaschutz zu verbessern. Dass dies möglich ist, zeigen die fünf Stadtwerke mit ihren befriedigenden bis sehr guten Förderprogrammen.

Kontakt

Weitere Informationen bekommen Sie über den Arbeitskreis Energie des BUND Hessen:
Kontaktinformationen zum Arbeitskreisenergie…



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