Keine Frage, die Mistel (Viscum album) ist ein Schmarotzer, auch wenn sie den Bäumen, auf denen sie wächst, keine Nährstoffe wegnimmt. Denn Nährstoffe kann sie dank ihrer immergrünen, ledrigen Blätter selbst herstellen, weshalb man sie auch als Halbschmarotzer bezeichnet. Mit ihren Wurzeln jedoch, die sie in das Holz von Wirtsbäumen treibt, bedient sie sich der Wasserleitungen. So gelangt sie an ausreichend Wasser mit darin gelösten Mineralien. Sie nutzt ihren Wirt aber auch in anderer Beziehung aus: Im Kronenbereich angesiedelt ist ihr stets ein Platz an der Sonne geboten.
Den Germanen galt die Mistel als heilig, in der keltischen Mythologie stellte sie eine Zauberpflanze für die Druiden dar und heute ist sie in England und den USA ein weihnachtlicher Glücksbringer, der über Hauseingängen aufgehängt wird. Auch in Deutschland wird sie gerne zusammen mit den Zweigen von Nadelbäumen als weihnachtlicher Schmuck genutzt. Das Grün der auch im Winter aktiven Pflanzen hat die Menschen unserer Breiten wohl zu allen Zeiten fasziniert, indem es ihnen in der kalten, unwirtlichen Winterszeit eine Illusion von Frühling und Sommer vermittelte. Begrenzt findet die Mistel auch Einsatz als Heilpflanze.
Entgegen landläufiger Meinung steht die Mistel nicht unter Naturschutz, doch ist das gewerbsmäßige Sammeln an behördliche Genehmigungen geknüpft. Zu privaten Zwecken darf sie gepflückt werden, doch mit dem Vorbehalt, dass der Baum dabei nicht beschädigt wird. Und hier liegt meist das Problem für die privaten wie die gewerblichen Pflücker, die oft ganze Äste absägen, um an die im Kronenbereich angesiedelten Pflanzen zu gelangen.
Von Februar bis Mai besitzen die Misteln kleine, eher unscheinbare, gelbgrüne Blüten, aus denen die weißen Beeren hervorgehen, die bei einer Reihe von Vogelarten sehr beliebt sind, zumal sie den ganzen Winter über als Nahrung zur Verfügung stehen. Die Misteldrossel hat sogar ihren Namen nach ihrer Lieblingsspeise erhalten. Gleichzeitig sind die Vögel aber auch bei der Mistel beliebt, denn sie sorgen für deren Verbreitung auf zweierlei Wegen. Zum einen sind die Beeren mit einem äußerst klebrigen Fruchtfleisch versehen, weshalb sich die Vögel immer wieder den Schnabel abputzen müssen, wodurch die kleinen Samen an die Zweige von Bäumen geklebt werden. Zum anderen sind die Mistelsamen von einer unverdaulichen Schale umgeben, so dass sie mit dem Vogelkot auf die Äste umliegender Bäume getragen werden.
In Deutschland sind drei Unterarten der Mistel verbreitet, deren Namen verdeutlichen, welchen Wirtsbaum sie sich jeweils aussuchen: Tannen-, Kiefern- und Laubholz-Mistel. Letztere schmarotzt auf einer ganzen Reihe von Laubbäumen, aber durchaus nicht auf allen, wie ihr Name suggeriert. Man findet sie mit Vorliebe auf Apfelbäumen, Pappeln, Weiden, Birken, Linden und Ahorn, nicht aber auf heimischen Eichenarten, Rotbuche sowie Kirsch-, Pflaumen- und Walnussbäumen.