Erneuerbare Energien in Hessen – Schwerpunkt Windkraft / Bericht vom Workshop 2010

Der Nutzung der Windkraft kommt bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien die tragende Rolle zu. Vorzüge der Windenergie, Windkraft in Regionalplänen, Gefährdung von Vögeln und Fledermäusen waren einige der Themen, mit denen sich der 7. Workshop des BUND-Arbeitskreises Energie mit 90 Teilnehmenden im Februar in den Räumen der OVAG-Hauptverwaltung in Friedberg befasste.

Der BUND setzt sich seit vielen Jahren für erneuerbare Energien ein, um die Abhängigkeit von endlichen und konfliktbelasteten Ressourcen abzubauen und um den Kohlendioxidausstoß und die Atommüllerzeugung zu verringern. Zudem wird mit Hilfe der Erneuerbaren der Strom regional produziert. Das heißt, eine Wertschöpfung sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen finden vor Ort statt. Hervorheben ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass Einsparung und Effizienz bei der Nutzung jedweder Energieform wichtig sind.

In seiner Begrüßung betonte Vorstand Rolf Gnadl (vormals Landrat des Wetteraukreises), dass die OVAG auf regionale und kommunale Eigenständigkeit bedacht sei und regenerative Energien voranbringen wolle. Er kritisierte eindeutig die Überlegungen zur Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken und wertete diese als eine Behinderung beim nötigen Umstieg auf erneuerbare Energien. Prokurist Dr. Hans-Peter Frank wies darauf hin, dass die ovag Energie AG im Jahr 2010 rund 20 Millionen Euro aufwenden wird, um den regionalen Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien (Wind, Biogas, Photovoltaik) weiter deutlich voranzubringen.

Die Windenergie spielt im Rahmen der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien eine besondere Rolle, da hohe Stromernten bei geringem Flächenverbrauch möglich sind. Wie Michael Lüer (JUWI) betonte, eignet sich Hessen sehr gut für Windkraftanlagen. Im Vogelsberg ist der Wind mit bis zu 7,8 m/sec in hundert Meter Höhe so gut geeignet wie an der Küste. Für Windanlagenbauer bietet er sogar den Vorteil, dass er gleichmäßiger weht. Zudem gibt es im Binnenland keine Probleme mit der Versalzung der Anlagen.

Doch wie sieht der status quo in Hessen aus? Verschiedene Referenten legten dar, dass in Hessen 2009 nur etwa 6% des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen (BRD-Durchschnitt: 16%), wobei nur 2% des in Hessen verbrauchten Stroms mit Hilfe von Windkraft produziert wird. Es gibt also ein großes Potential, das gerade in Hessen auf Grund von politischen Hemmnissen bislang ungenutzt blieb.

In diesem Zusammenhang wurde auf die Regionalpläne bzw. deren Entwürfe verwiesen. In Nordhessen sind nur 0,3% der Gesamtfläche als Vorrangflächen für Windenergieanlagen vorgesehen, in Südhessen war ein noch geringerer Teil eingeplant. Da dies vermutlich nicht vor Gerichten Bestand gehabt hätte, wurde die Windkraft nun völlig aus dem Regionalplan genommen, was u.U. zu einer gewissen Rechtsunsicherheit führen kann. In Mittelhessen liegt zurzeit ein neuer Entwurf vor, in dem 0,48% als Vorrangflächen vorgesehen sind. Dr. Ivo Gerhards (Regierungspräsidium Gießen) erklärte, wie seine Behörde zu diesem Ergebnis gekommen ist. Rechtsanwalt Hans Karpenstein legte dar, dass gemäß Bundesverwaltungsgericht „substanzieller Raum für Windkraft“ eingeräumt werden muss, das heißt „Feigenblatt-Planung“, bei der nur geplant wird um zu verhindern, ist verboten.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung wurden weitere (politische) Hemmnisse für die Windkraft besprochen: Die Nutzungsentgelte für Flächen sind mittlerweile zum Teil sehr hoch und zusätzliche Vorschriften für erforderliche Gutachten und den Schallschutz wurden in den letzten Jahren erlassen. Dr. Horst Meixner und Gerhard Morber (beide hessenENERGIE) befassten sich in diesem Zusammenhang mit dem sogenannten „Repowering“. Darunter versteht man das Ersetzen von vielen kleinen Windenergieanlagen durch eine geringere Anzahl von großen, leistungsfähigeren Anlagen. Vom Prinzip her lässt sich auf diese Weise die Stromproduktion erheblich vergrößern. Da sich seit dem Bau der Erstanlagen ein Teil der rechtlichen Grundlagen geändert hat, müssen unter Umständen neue Gutachten zum Schallschutz, Schattenwurf u.a. erstellt werden.

Während des Workshops. Stehend Peter Glasstetter, in der vorderen Reihe ein Teil der Referenten (von rechts): Dr. Hans-Peter Frank, Dr. Ivo Gerhards, Gerhard Morber, Dr. Horst Meixner, Dr. Werner Neumann (BUND AK Energie). (Foto: Haimo Brackemann)
Auditorium beim Workshop Windkraft 2010 während des Vortrags von Peter Glasstetter (Foto: Haimo Brackemann)

Matthias Korn vom Büro für faunistische Fachfragen referierte zum naturschutzfachlich wichtigen Thema „Windkraftnutzung mit Vogel- und Fledermausschutz – ein Widerspruch?“. Für die meisten einheimischen Arten sowie Zugvögel gab er Entwarnung. Zugkonzentrationskorridore und Hauptflugkorridore zwischen Schlaf- und Nahrungsplätzen seien jedoch freizuhalten. Einen Sonderfall stellt der Rotmilan dar, eine auch in Hessen heimische, unter Schutz stehende Greifvogelart. Damit er nicht durch Windkraftanlagen gefährdet wird, empfehlen die Vogelschutzwarten einen Abstand von 1000 Metern zu Brutplätzen einzuhalten. In Bezug auf Fledermäuse gibt es wenig gesicherte Daten. Je höher die Anlagen sind, desto weniger sind jedoch Fledermäuse im Bereich der Rotoren zu erwarten. M. Korn empfahl weitere Untersuchungen sowie konkretes Monitoring mit Detektoren und eventuell Abstellen der Anlagen in warmen Sommernächten (Schwärmphasen).Als letzter Referent zog Martin Krauß für den BUND Hessen folgendes Fazit: In Hessen gibt es einen großen Nachholbedarf und ein hohes Potential für die Nutzung der Windenergie. Wegen der Konzentration der Windkraftnutzung in den nördlichen Bundesländern, künftig auch offshore, wird ein Ausbau des 380 kV-Höchstspannungsnetzes auch durch Hessen angestrebt. Um die Klimaschutzziele - auch der Hessischen Landesregierung - einzuhalten, fordert der BUND einen stärkeren Ausbau der Windkraftnutzung in Hessen. Dazu müssen ein  bis zwei Prozent der Landesfläche als Vorranggebiete für Windkraftanlagen ausgewiesen und Repowering ermöglicht werden. Die raumordnerischen Kriterien der drei hessischen Regionalpläne bzw. Entwürfe sind nach Meinung des BUND Hessen zu restriktiv, regional unterschiedlich und zum Teil sogar willkürlich und ohne gesetzliche Begründung. Klimaschutz und Naturschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Um belastbare Kenntnisse über die tatsächliche Gefährdung von Vögeln und Fledermäusen durch Windkraftanlagen zu erhalten, fordert der BUND Hessen ein fünfjähriges Forschungsprojekt im Hohen Vogelsberg, wo die meisten Anlagen stehen.

Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Prof. Dr. Hans Ackermann (BUND-Arbeitskreis Energie) den Referenten für ihre aufschlussreichen Ausführungen, den Arbeitskreismitgliedern Martin Krauß und Gerd Wiesmeier für die hervorragende Organisation der Veranstaltung sowie OVAG-Vorstand Rolf Gnadl und Prokurist Dr. H.-P. Frank (ovag Energie AG) für ihre Unterstützung und das angenehme Ambiente in ihrem Hause. Der Workshop hat gezeigt, dass der Ausbau der Windenergie in Hessen nicht an mangelndem Windpotential, fehlenden Flächen und auch nicht am Vogelschutz scheitert, sondern allein an der derzeitigen politischen Blockade. Der BUND Hessen machte deutlich: ca. 30% Strom aus Windenergie an Stelle von 2% ist umweltverträglich, klimafreundlich, wirtschaftlich machbar und führt zum Erhalt bzw. der Schaffung einer großen Zahl von Arbeitsplätzen.

Regine Müller

Die Referenten und ihre Vorträge

  • Prof. Dr. Hans Ackermann, Sprecher BUND LAK Energie: Begrüßung und Einführung, Moderation
  • Rolf Gnadl, Vorstand ovag: Grußwort
  • Dr. Hans-Peter Frank, Prokurist ovag Energie AG: Grußwort zur Vorstellung der ovag Energie AG und ihres Beitrags zum Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien
  • Peter Glasstetter, JUWI (Jung & Willenbacher, Projektentwicklungsfirma im Bereich erneuerbare Energien): 100 % erneuerbarer Strom für Hessen
  • Dr. Horst Meixner, Geschäftsführer und Gerhard Morber, Bereichsleiter hessenENERGIE: „Chancen und Probleme von Repowering in Hessen
  • Rechtsanwalt Hans Karpenstein: Windkraft – Wirtschaftskraft für Kommunen“
  • Dr. Ivo Gerhards, RP Gießen: Steuerung erneuerbarer Energien im Regionalplan Mittelhessen
  • Matthias Korn, Büro für faunistische Fachfragen: Windkraftnutzung mit Vogel- und Fledermausschutz – ein Widerspruch?
  • Joachim Wierlemann, BWE LV Hessen: Direktverbrauch von Windstrom für Kommunen, Gewerbe und in der Industrie.
  • Michael Lüer, JUWI: Konkrete Potenziale der Windkraftnutzung in Hessen
  • Martin Krauß, BUND: Die Forderungen des BUND Hessen zur Windkraftnutzung in den Regionalplänen Hessens

Dokumentations-CD mit Beiträgen

Eine CD mit Beiträgen kann in der Landesgeschäftstelle des BUND Hessen für 5 Euro (inkl. Versand) angefordert werden.