Strom – umweltschonende Erzeugung und Nutzung

Neunter Workshop 2012 des Arbeitskreis Energie

Neunter Workshop 2012 des Arbeitskreis Energie: Strom – umweltschonende Erzeugung und Nutzung (Foto: Niko Martin)

Über sechzig Teilnehmer/innen versammelten sich am 17. März 2012 im schönen Marburger Stadtverordnetensitzungssaal um zusammen mit Experten über die zwar bequem nutzbare, aber bislang überwiegend umweltbelastend erzeugte, Energieform Strom zu diskutieren. Eingeladen hatten der AK Energie im BUND LV Hessen in Zusammenarbeit mit der Marburger AG Energie der Lokalen Agenda 21.

In den beiden kurzen Einführungsworten erinnerte zunächst Hans Ackermann an den Mut machenden Anstieg des erneuerbar erzeugten Stromanteils seit dem letzten Strom-Workshop des BUND vor acht Jahren um fast den Faktor drei. Sodann betonte Bürgermeister Dr. Franz Kahle, dass sich die Stadt Marburg über die Tagung des BUND sehr freue. Die Energiewende müsse gerade in den Kommunen vorangetrieben werden. Nach wie vor gebe es aber zahlreiche Widerstände gegen den notwendigen Ausbau der regenerativen Energien, insbesondere der Windkraft.
 
Das fachliche Programm war in die vier Blöcke „Erzeugung“, „Offenes Diskussionsforum“,   „Nutzung“ und „Intelligente Vernetzung und Speicherung“ gegliedert mit halbstündigen Diskussionen an den jeweiligen Blockenden. Dieses Konzept fand bei den Teilnehmenden  guten Anklang, wie nicht nur die lebhaften Diskussionsbeiträge, sondern auch die Beurteilungen auf den zahlreich abgegebenen Bewertungsbögen zeigten.

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Block „Erzeugung“

■ Im ersten Vortrag über die „Kleine Kraft-Wärme-Kopplung in der Energiewende“ machte Dr. Horst Meixner (hessenENERGIE, Wiesbaden) deutlich, wie sehr die Durchsetzung des Effizienzprinzips am Markt auf eine aktive Energiepolitik angewiesen ist, die leider durch zahlreiche Hemmnisse und komplizierte Regelungen ausgebremst wird. Um die aussichtsreichen Mini-KWK-Anlagen mit einigen wenigen kW elektrischer Leistung voran zu bringen, sollte deren Förderung radikal vereinfacht werden, etwa durch einen einmaligen Investitionszuschuss. Erste Schritte in dieser Richtung sind im Regierungsentwurf zur KWK-Novellierung erkennbar.

■ Im zweiten Vortrag über „Potenziale für Wind- und Sonnenstrom im Binnenland“ erklärte Dr. Stefan Bofinger (Fraunhofer IWES, Kassel) zunächst, wie gut sich beide Erzeugungsarten im saisonalen Verlauf ergänzen. Für die ortsabhängigen Potenzialabschätzungen muss jeweils eine Liste von Annahmen getroffen werden, die die Eigenschaften von PV-Dachanlagen, PV-Freilandanlagen und Windparks kennzeichnen. Es zeigt sich, dass die Potenziale hoch sind, und bei Windparks die angesetzten Siedlungsabstände den stärksten Einfluss auf das Ergebnis haben. Eine Nutzung von jeweils 2% der Bundesländerflächen für Windparks wäre in ganz Deutschland möglich und könnte ca. 65% des Bruttostromverbrauchs erzeugen.

Block „Offenes Diskussionsforum“

Vier Fragen standen im Mittelpunkt des „Offenen Diskussionsforums“, das von Andrea Graf, Dr. Holger Marks und einigen spontan Mithelfenden moderiert wurde. Von Tisch zu Tisch fortschreitend konnten die Workshopteilnehmer/innen ihre Meinung zu einigen aktuellen Fragen der Energiedebatte einbringen. Dieses am Konzept des World-Café angelehnte Element wurde reichlich und engagiert genutzt. Es entstanden unzählige Gespräche und Diskussionen, die im Rahmen der Vorträge so nicht möglich gewesen wären.

Die auf großen Wandzeitungen erfassten Statements wurden mittels Klebepunkten bewertet.  Dabei zeigte sich, dass einige der Fragen gar nicht so kontrovers gesehen wurden, wie erwartet. Bei der provokativ gestellten Frage „Windkraft in meinem Wald?“ sah ein Großteil der Teilnehmer/innen keine Probleme. Der Artenschutz sei auch im Wald machbar. Große Waldgebiete sollten allerdings geschont werden, wenn es Alternativen gäbe. „Elektromobilität – Fluch oder Segen?“ war eine weitere Frage. Auch hier war es die einhellige Meinung, dass Elektromobilität nur sinnvoll ist, wenn der Strom aus regenerativen Energien erzeugt wird, und auch die sonstigen ökologischen und sozialen Erfordernisse der Verkehrsinfrastruktur Beachtung finden. Auf Flugreisen, Wäschetrockner, längere Ladenöffnungszeiten oder auch ein eigenes Auto, darauf würde die meisten Teilnehmenden verzichten, um einen eigenen Beitrag zur „Energieeinsparung“, dem Thema der dritten Frage, zu leisten. Bei den „kommunalen Handlungsmöglichkeiten“, dem letzten Thema, wurde vor allem eine frühzeitige und umfassende Bürgerbeteiligung und die Unterstützung von Genossenschaftsstrukturen gefordert, die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand betont und eine pädagogische Begleitung der Energiewende durch vermehrte Information und Beratung gefordert.

Block „Nutzung“

■  Dipl.-Ing. Armin Raatz (KEEA, Kassel) eröffnete mit seinem Referat „Effiziente elektrische Energienutzung in Haushalt, Kommunen und Gewerbe“ mit der Präsentation eines Füllhorns von einfach zu ergreifenden Einsparmaßnahmen den Block der Stromnutzung. In der Industrie sind es vor allem Antriebsmotoren, Pumpen und Beleuchtung, die den Stromverbrauch dominieren und enorme Einsparpotenziale haben. In den Haushalten ist es eine stattliche Parade vielfältiger Geräte, die von Wäschetrocknern über Heizungspumpen, Herden, Kühlgeräten, Fernsehern, Rechnern hin zur Beleuchtung reicht und neben Stand by-Verbräuchen viel zu viel Strom verbraucht. Information und Beratung nutzen, lautet der abschließende Ratschlag des Referenten. 

■ Wie bei wenigen sonstigen Technologien liegen Erwartung und Werbung auf der einen und tatsächliche Leistung auf der anderen Seite so weit auseinander wie bei der elektrischen Wärmepumpe. Das war der Eindruck, den der Vortrag „Feldtests von Wärmepumpen: Werbung und Wahrheit“ von Dr. Falk Auer (Lokale Agenda 21, Lahr) vermittelte. Reale Feldtests sind deshalb wichtig, weil nur hier die Gesamtenergiebilanz unter Einschluss aller Hilfsenergien ermittelt werden kann. Es zeigte sich hierbei, dass nur erdgekoppelte WP mit Flächenheizungen zu einer nennenswerten Energieeinsparung führen, wohingegen dies bei Luft-WP, seien sie für Heizzwecke oder zur Warmwasserbereitung eingesetzt, keineswegs der Fall ist.

Block „Intelligente Vernetzung und Speicherung“

■ Die Integration von EE-Strom und der Kernenergieausstieg verlangen ein intelligentes Stromnetz, so ein Postulat von Prokurist Holger Armbrüster (Stadtwerke Marburg) zu Beginn seines Referats „Energieversorgung der Zukunft durch intelligente Vernetzung“. Hierbei kommt  den intelligenten elektronischen Zählern oder Smart Meters als Verbindungselemente zwischen Netz und Haus zentrale Bedeutung zu. Das Ergebnis einer Pilotstudie der Stadtwerke Marburg und sieben weiteren Versorgern in Deutschland zeigt, dass die Nutzer- Information durch das parallel geführte Energiesparkonto zu merklichen Einsparungen im Verbrauch von Strom und Heizenergie im Jahr 2010 gegenüber 2009 geführt hat.

■ Mit dem Referat „Speicher für die Stromversorgung in der Energiewende“ schloss Hans Ackermann (BUND, Marburg) den letzten Block des Workshops. Während bislang Speicher nur Nachfragefluktuationen glätten mussten, kommen in stark wachsendem Maße der Ausgleich von Fluktuationen und langfristigen, saisonalen Schwankungen auf der Erzeugungsseite dazu. Dafür ist der Einsatz von Speichern in einer Größenordnung nötig, wie sie in Deutschland nur Erdgasspeicher aufweisen. Diese könnten über das Power-to-Gas-Konzept in die Stromversorgung eingebunden werden, das die Verwendung von Überschussstrom aus Sonne und Wind zur Erzeugung von Wasserstoff und weiter zu Erdgas (Methan) vorsieht.

In der anschließenden gemeinsamen Abschlussdiskussion dankte das Auditorium  mit lebhaftem Applaus allen Referenten und ModeratorInnen für die informativen und klaren Präsentationen und den ausnahmslosen Verzicht auf Honorare sowie der Stadt Marburg für die kostenlose Bereitstellung der schönen Tagungsräume.

Hans Ackermann,
Andrea Graf,
Holger Marks

Eine CD mit allen Referaten und Fotos von der Veranstaltung ist für 4 € (inkl. Versand) erhältlich: Landesgeschäftsstelle des BUND Hessen, Tel. (069)67 73 76-0, bund.hessen@bund.net.



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