Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)

Angelika Zahrnt – BUND Vorsitzende, Foto aus dem Jahr 2000
Angelika Zahrnt
BUND Vorsitzende

 DIE VORSITZENDE

 Rede anlässlich der Kundgebung bei der Demonstration gegen die Erweiterung des Frankfurter Flughafens am 25.03.00 in Frankfurt/Main

Liebe Mitbürgerrinnen und Mitbürger im Rhein-Main-Gebiet,

es ist noch keine 20 Jahre her, da versprach der damalige Ministerpräsident des Landes Hessen, Holger Börner, Ihnen "Am Frankfurter Flughafen soll kein Baum mehr fallen".

Dieser Satz sollte der Endpunkt der heftigen Auseinandersetzung um den Bau der Startbahn 18-West sein. Dieser Satz wurde in ganz Deutschland gehört und er ist nachzulesen. Er war nicht nur ein Versprechen an Sie, die Menschen in der Umgebung des Frankfurter Flughafens, sondern ein bundesweites Signal, dass Wirtschaftsinteressen nicht alles sind und dass das Wachstum des Flughafens nicht endlos sein kann.

Wir haben uns heute hier versammelt, weil die Landesregierung aus CDU und F.D.P. und leider auch die SPD Börner`s Versprechen brechen wollen. Besonders ernst hat die Landespolitik die Zusicherung Börner`s nie genommen. Ende der 80er Jahre fiel im Süden des Flughafens erneut Wald als ein zusätzlicher Tower gebaut wurde, Anfang der 90er Jahre wurde Wald für die Cargo-City-Süd gerodet. Bis heute hat der Flughafen über 1.800 ha aus dem Waldgürtel im Süden des Rhein-Main Gebietes herausgefressen. Fast 100 ha Wald fielen ihm noch nach dem Bau der Startbahn 18-West zum Opfer.

1988 und 1993 wurden von der Landesregierung mit Zustimmung aller Parteien im Landtag und in der Stadt Frankfurt Bannwalderklärungen erlassen. Es sollte Schluss sein mit der dauernden Waldvernichtung. Mit der Ausweisung des Bannwaldes erklärte die Landesregierung diesen Wald rechtsverbindlich zu einem unverzichtbaren Gut für das Gemeinwohl.

Nun, am Anfang des neuen Jahrtausends, soll dies nicht mehr gelten. Wo bleibt hier die Glaubwürdigkeit der Politiker? Über Politikverdrossenheit braucht sich dann niemand zu wundern. Die letzten Schamgrenzen fallen. Die Ausbaubefürworter blasen nicht nur zum Sturm auf den Bannwald, sondern bereiten den Angriff auf die Gesundheit von über 300.000 Menschen vor. Und ohne Skrupel wird die Massenarbeitslosigkeit gegen die Gesundheitsgefährdung Tausender ausgespielt.

Sehr verehrte Mitbürgerrinnen und Mitbürger:
es geht hier nur kurzfristig um den Gegensatz von Ökologie und Ökonomie. Spätestens seit der Konferenz von Rio im Jahre 1992 wissen alle, der Staat, die Wirtschaft und die Bevölkerung, dass nur eine dauerhaft umweltverträgliche Entwicklung eine Entwicklung für die Zukunft und eine Entwicklung mit Zukunft ist.

Mit der Forderung nach einer neuen Start- und Landbahn am Frankfurter Flughafen melden sich hinter der Schutzschild der Arbeitslosigkeit die alten Dinosaurier zurück, die Wohlstand immer wieder - und immer wieder falsch - auf materiellen Wohlstand reduzieren und die nicht begreifen wollen oder nicht begreifen können, dass man die Zukunft in einer sich schnell ändernden Welt nicht durch die sture Durchsetzung der alter Konzepte im noch größeren Stil gewinnt.

Die von der Frankfurter Flughafen AG favorisierte "Nordbahn" bedeutet nicht nur über 280 ha Waldvernichtung, sondern auch eine gewaltige Ausdehnung des gesundheitsschädlichen Lärmteppichs. 220.000 Menschen leben schon heute mit einem Dauerlärmpegel von 60 Dezibel [dB(A)] und mehr und damit in Bereichen, in denen aus Gründen des Vorsorge keine neuen Wohngebiete ausgewiesen werden dürfen. So will es ein Beschluss der Raumordnungs- und Umweltminister der Bundesregierung und der Bundesländer. Kommt es zum Bau einer Nordbahn dann werden aber über 100.000 Menschen zusätzlich diesem Angriff auf ihre Gesundheit ausgesetzt.

Ich fordere die Politik und die Wirtschaft in Hessen auf, sich mit den Fakten auseinander zu setzen. Hierzu gehört für mich insbesondere die Berücksichtigung der Zeitachse. Wenn die Debatte der beiden letzten Jahre eine wichtige neue Erkenntnis gebracht hat, dann doch vor allem diese:

Auch der Bau einer neuen Bahn schafft nur einen sehr geringen Kapazitätsspielraum für den Flughafen. Wächst der Flugverkehr so, wie in der sog. Mediation kalkuliert, dann ist die neue Bahn bereits nach 13 Jahren wieder dicht. Bleibt es dagegen bei dem stürmischen Wachstum der letzten Jahre, dann ist die Kapazität schon viel schneller, nämlich nach nur 7 Jahren erschöpft. Der Bau einer neuen Bahn am Frankfurter Flughafen ist keine Lösung, sondern Stückwerk und damit Unsinn. Wer nur über eine neue Bahn spricht, hat die Problemlage entweder nicht verstanden oder er will Sie, die Bewohnerrinnen und Bewohner des Rhein-Main-Gebietes täuschen.

Die Herren Niethammer, Oeser und Hänsch haben dies klar erkannt. Ihre Forderung nach der politischen Entscheidung für eine langfristige Entwicklungsperspektive ist richtig. Völlig unverständlich und unehrlich ist aber ihr Ruf nach der Südbahn bei gleichzeitiger Ablehnung der Atlanta-Variante.

Ob die Südbahn 100.000 oder 120.000 zusätzlich Flüge ermöglicht ist nicht von Bedeutung. Tatsache ist, dass ihre Kapazität geringer ist als die der Nordbahnen. Wer also, wie die drei Herren, die Südbahn empfiehlt und eine langfristige Entwicklungsmöglichkeit fordert, der ist in Wahrheit auf der Reise nach Atlanta; der will zwei neue Bahnen im Süden oder eine Südbahn und eine Nordbahn oder eine Südbahn und die Nutzung von Erbenheim!

Sehr verehrte Damen und Herren!
In den letzten Jahren haben Sie oft ein neues Wort gehört. Dies Wort heißt "Mediation". Der BUND hat ein massives Interesse an neuen Verfahren, um Konflikte zu lösen. Wir wollen, dass in unserer Gesellschaft Versuche unternommen werden, um erkennbare Konfliktfelder frühzeitig zu entschärfen.

Doch was hier in Hessen bei der Diskussion um die Flughafenerweiterung passiert, ist nicht der Versuch den Konflikt zwischen Staat, Wirtschaft und Bevölkerung besser und offener zu gestalten. Hier geht es mit der sog. Mediation um die Einführung einer neuen politischen Marketingstrategie, die der Bevölkerung ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit geben soll. Doch die Fakten zeigen, dass Ihre Lebensmöglichkeiten von der Flughafenerweiterung massiv beeinträchtigt werden.

Prof. Steinberg, ein anerkannter Rechts-Professor hier von der Universität Frankfurt, hat völlig zu recht darauf hingewiesen, dass bei stark gegensätzlichen Interessenslagen für die Mediation kein Raum verbleibt. In der Flughafendiskussion liegen eindeutig gegensätzlich Interessen vor. Die einen wollen mehr fliegen und müssen hierfür den Wald zerstören und mehr Lärm erzeugen. Die andern wollen im Rhein-Main-Gebiet arbeiten und leben – und das in Ruhe.

Was die Region heute dringend benötigt, ist keine Diskussion "Ökonomie contra Ökologie", sondern eine Diskussion über eine langfristig umweltgerechte Entwicklung. Sieben oder auch dreizehn Jahre Spielraum sind kein Kapazitätsgewinn, sondern ein schmerzlicher Zeitverlust, sich der Realität zu stellen. Die Region muss nicht lernen mit dem Wachstums des Flughafens zu leben, sondern Politik und Wirtschaft müssen akzeptieren, dass auch der Frankfurter Flughafen nicht ewig wachsen kann. Bäume wachsen nicht in den Himmel und auch Flughäfen können nicht beliebig in die Fläche wachsen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Der BUND hat bei der Auseinandersetzung um die Startbahn 18-West für die Sache der Natur gestritten und die lärmgeplagten Anwohnerrinnen und Anwohner unterstützt. Der BUND wird auch in der aktuellen Auseinandersetzung an Ihrer Seite sein und bleiben. Und dieses mal, da bin ich zuversichtlich, werden wir mit Ihnen, den Bürgern und Bürgerrinnen des Rhein-Main-Gebietes, die Auseinandersetzung gewinnen.

Ich danke Ihnen, für Ihre Aufmerksamkeit
A. Zahrnt



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Gegen Ausbau des Rhein-Main-Flughafens

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Der BUND engagiert sich, zusammen mit zahlreichen Bürgerinitiativen, gegen einen Ausbau des Rhein-Main-Flughafens in Frankfurt.

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