9. April 2019

Neue Naturwälder für Hessen: Naturschutzorganisationen feiern Generationenprojekte

Sonne im Buchenwald (Foto: Niko Martin)

Die Naturschutzverbände BUND Hessen, Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz, NABU Hessen sowie Zoologische Gesellschaft Frankfurt freuen sich über neue Waldflächen in Hessen, die sich künftig natürlich entwickeln dürfen. Umweltministerin Priska Hinz hat insgesamt 6.400 Hektar Staatswaldflächen vorgestellt, auf denen künftig auf forstwirtschaftliche Nutzung verzichtet wird, um für seltene Waldarten Lebensräume zu schaffen.

Die Naturschutzorganisationen betonen, dass insbesondere die großen zusammenhängenden Bereiche im Reinhardswald, am Vogelsberg, am Grünen Band bei Wanfried und im Kammerforst (Rheingau) ein großer Gewinn sind: „Von diesen neuen Naturwäldern werden viele künftige Generationen an Tieren, Pflanzen, Pilzen und auch Menschen profitieren“, erklärte Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des NABU Hessen. Ein herausragender Erfolg sei auch der Schutz der nördlichen Ederseesteilhänge, der eine Erweiterung des Nationalparks Kellerwald-Edersee in greifbare Nähe rücke.

Bereits im April 2018 hatten die Naturschutzorganisationen ein Konzept vorgelegt, in dem sie 25 Waldgebiete benennen, die unbedingt gesichert werden müssen. Positiv bewerten die Naturschutzorganisationen, dass von ihren 25 Vorschlägen nun immerhin acht (weitgehend) übernommen wurden. Insgesamt gibt es fortan 42 Naturwaldgebiete in Hessen, die über 100 Hektar groß sind und die im Laufe dieser Legislaturperiode auch rechtlich verbindliche Naturschutzgebiete werden sollen. „Mit dem Schutz großer Naturwälder setzt Hessen im Bundesvergleich Maßstäbe“, lobt ZGF-Geschäftsführer Dr. Christof Schenck. Die großen Schutzgebiete seien eine gute Ergänzung zu den vielen kleineren Flächen und verbessern die Voraussetzungen für ein umfassendes Naturwaldverbundsystem in Hessen, in denen Wälder wieder alt werden dürfen.

„Das ist ein guter Tag für Hessens Spechte“, freut sich auch Oliver Conz, Vorsitzender der HGON. „Jetzt können die gefiederten Dickschädel nach Herzenslust tun, was sie am besten können: die Wohnungsnot im Wald lindern!“ Spechte sind Baumeister für über hundert Tierarten. Sie meißeln ihre Höhlen gern in sehr alte Bäume. Die fehlen im Wirtschaftswald, wo Buchen schon im Alter von 100 bis 140 Jahren gefällt werden. Im Naturwald dagegen dürfen sie 300 Jahre alt und doppelt so dick werden. Davon profitieren auch Arten wie Rotmilan und Schwarzstorch: Sie können hier stabile Horste in ungestörter Umgebung bauen und über viele Jahre hinweg Nachwuchs großziehen.

Die hessische Biodiversitätsstrategie sieht vor, auf fünf Prozent der hessischen Waldfläche auf forstwirtschaftliche Nutzung zu verzichten. Mit der jüngsten Ausweisung von Naturwäldern erreicht Hessen einen Anteil von 3,8 Prozent des hessischen Waldes mit Naturwaldentwicklung. „Für eine Vollendung dieses Ziels fehlen also noch weitere 9.600 Hektar“, betont Jörg Nitsch, Landesvorsitzender des BUND. Hierfür verweisen die Naturschutzorganisationen auf ihr Konzept, in dem sich weitere wertvolle Waldgebiete finden, die als Schutzgebiete geeignet sind.

Hintergrundinformationen

In Naturwäldern kann sich der Wald ganz ohne Zutun des Menschen natürlich entwickeln. Menschen sind weiterhin eingeladen, den Wald zu betreten und zu erleben, es werden aber keine Bäume mehr gefällt. Alte Bäume bleiben anders als im Wirtschaftswald stehen, bis sie morsch werden und zusammenbrechen. Als „Totholz“ sind sie „biologisches Gold“ und bieten einen einzigartigen Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Pilze. Je größer der einzelne Naturwald, desto größer ist seine Standortvielfalt und desto mehr ökologische Nischen können sich entwickeln. Dieser Prozess des Wachsens und Weichens dient dem Schutz der Artenvielfalt und ist zugleich für den Klimaschutz sinnvoll. In Naturwäldern speichern der Baumbestand und vor allem der Boden Jahr für Jahr Kohlenstoff. So wird der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen.

Die großen künftigen Naturwälder der 3. Tranche sind: „Reinhardswald“ (1.293 Hektar), „Grünes Band bei Wanfried“ (888 Hektar), die drei Teilgebiete der Ederseesteilhänge (in Summe 1.162 Hektar), die nährstoffreichen Wälder des Westlichen Vogelsbergs (785 Hektar), der Kammerforst (565 Hektar), der Schelderwald (489 Hektar), der Melibocus (335 Hektar), die Basaltwälder auf dem Suhl (299 Hektar) und die Graburg (209 Hektar).

Das Naturwälderkonzept der Naturschutzverbände „Land der Naturwälder – 25 Waldschutzgebiete für Hessen“ ist online verfügbar: http://naturwaelder-in-hessen.de

Für Rückfragen:

  • Mark Harthun, NABU, Fachbereichsleiter Naturschutz und stellv. Landesgeschäftsführer (06441 6790416)
  • Oliver Conz, HGON, Vorsitzender (0170 2739055)
  • Manuel Schweiger, ZGF, Wildnisreferent (069 94 34 46 33)
  • Thomas Norgall, BUND, stellv. Landesgeschäftsführer/Naturschutzreferent (0170 2277238)