18. Juli 2011

„Internationales Jahr der Wälder“ 30.000 Hektar Wald in Hessen akut gefährdet, doch in der Politik herrscht Grabesstille/Aufruf zur Rettung des Waldes

Eine sterbende Eiche: für einige Jahre ein ökologisch wertvoller Lebensraum, aber im Hessischen Ried ein Indikator für den drohenden Verlust des Ökosystems Wald (Foto: Henner Gonnermann/BUND Hessen)

Eine sterbende Eiche: für einige Jahre ein ökologisch wertvoller Lebensraum, aber im Hessischen Ried ein Indikator für den drohenden Verlust des Ökosystems Wald (Foto: Henner Gonnermann/BUND Hessen)

In Hessen bahnt sich eine ein Umweltkatastrophe an. 30.000 Hektar Wald drohen abzusterben. Professor Dr. Hubert Weiger, Bundesvorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Was sich bisher im Hessischen Ried abspielt ist ein Skandal. Im „Internationalen Jahr der Wälder“ ruft der BUND die Hessische Landesregierung auf, sich endlich ernsthaft und konsequent um die Rettung des Waldes zu bemühen.“ Gefährdet sind alte Laub- und Mischwälder, die in vielen Fällen wegen ihrer ökologischen Bedeutung als Natur- und Wasserschutzgebiete ausgewiesen sind. Der Bürgermeister der Stadt Gernsheim, Peter Burger, fühlt sich wie viele seiner Kollegen in den Riedkommunen allein gelassen: „Uns wird gesagt, dass die Grundwasserentnahmen unschädlich seien, doch jeder Laie kann die massiven Trockenschäden im Gemeindewald Jahr für Jahr voranschreiten sehen.“ Der BUND kritisiert, dass die Bemühungen des Umweltministeriums zum Schutz der Wälder im Rhein-Main-Gebiet in jüngster Zeit nachgelassen haben. Jörg Nitsch, Vorstandssprecher des BUND Hessen: „Seit dem Amtsantritt von Umweltministerin Lucia Puttrich vermissen wir in den Verwaltungsverfahren die schon einmal erreichte Transparenz und das ernsthafte Bemühen zur Problemlösung.“ Dabei ist klar: Sind die Wälder erst zerstört, ist die Trinkwasserversorgung des Rhein-Main-Gebietes gefährdet.

Besonders bedrohlich für den Wald ist nach Ansicht des BUND, dass die Grundwassersanierung zur Rettung der Wälder mit dem Ausscheiden der früheren Umweltministerin Silke Lautenschläger offenbar aus dem Blickfeld der Landespolitik geraten ist. Denn während Lautenschläger kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt in der Pressemitteilung vom 18.12.2009 versprach „Waldsanierung bleibt auf der Tagesordnung“ und Gespräche mit Experten und den Naturschutzverbänden führen wollte, sobald eine Untersuchung „über die Möglichkeiten den Grundwasserspiegel zumindest vereinzelt wieder anheben zu können, um dadurch eine Verbesserung des Waldzustandes zu erzielen“, vorliege, verabschiedet sich die Politik nun offenbar von dieser Zusage. Die Grundwasseranreicherung mit dem Ziel der Waldstabilisierung hatte der frühere Staatssekretär im Hessischen Umweltministerium Karl-Winfried Seif bereits 2007 nach konsequenter Lobbyarbeit des BUND beim Regierungspräsidium Darmstadt in Auftrag gegeben. Für BUND Vorstandssprecher Jörg Nitsch ist es unerträglich, dass diese Studie entweder immer noch nicht vorliegt oder geheim gehalten wird und nun statt dessen öffentlich davon gesprochen wird, dass die „Grundwasserbuchen und –eichen“ der Vergangenheit angehören würden (vgl. Darmstädter Echo vom 13.07.2011).

Die wichtigste Ursache des Waldsterbens im Rhein-Main-Gebiet ist seit Jahrzehnten unstrittig die übermäßige Grundwasserentnahme. Schon „für den Zeitraum von 1965 bis 1990“ wurden auf elf Prozent der Waldfläche des Rhein-Main-Gebietes „starke Schäden durch Grundwasserentnahmen“ festgestellt (HMULF 1999, Gefährdung der Wälder im Rhein-Main-Gebiet, S. 59). „Dabei müssten“, so Professor Weiger vom BUND, „Wasserwirtschaft und Waldschützer eigentlich zusammenarbeiten, denn die Waldzerstörung gefährdet langfristig auch die Trinkwassergewinnung.“ Fällt der schützende Waldmantel über dem Grundwasser weg, dann wird die Trinkwasseraufbereitung mindestens teurer. Schon der heutige geschädigte Wald kann die üblichen Wasserschutzfunktionen nicht mehr erbringen. Die aufgelichteten, stark vergrasten Wälder veringern die Grundwasserneubildung und führen zu erhöhten Einträgen von Schwermetallen und Stickstoff in das Grundwasser.

Doch statt die Konzeption der in den 60ziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnenen Grundwasserförderung generell zu überdenken, wird die Waldzerstörung bis heute fortgesetzt. Zwar reagierte die Politik nach 30 Jahren Raubbau endlich, so dass das Regierungspräsidium Darmstadt nach jahrelangen Auseinandersetzungen 1999 im Grundwasserbewirtschaftungsplan für das Hessische Ried Sanierungsgebiete festlegen konnte, in denen durch die Einleitung von Wasser in den Oberboden, die so genannte „Infiltration“, wieder die Grundwasserflurabstände des Jahres 1965 erreicht werden sollen. Doch auch zwölf Jahre nach in Kraft treten des Grundwasserbewirtschaftungsplans fehlt es an speziellen Infiltrationsanträgen, mit denen zum Schutz des Waldes die notwendigen Grundwasserflurabstände von im Mittel 1,00 bis 2,50 Meter hergestellt werden sollen. Statt dessen wurde kürzlich z.B. für das Sanierungsgebiet „Gernheimer Wald“ ein Infiltrationsantrag gestellt und bewilligt, der auf eine erhöhte Grundwasserentnahme und nicht auf die Erhöhung des Grundwasserspiegels zielt. „Wenn aber die Grundwasseranreicherung nur zur Erhöhung der Fördermengen missbraucht wird, dann wird es niemals zur Sanierung der Wälder kommen können“, kritisiert BUND-Vorstandssprecher Jörg Nitsch.

Als „absurd und überaus gefährlich für die Wälder im Hessischen Ried“ bewertet BUND-Vorstandssprecher Jörg Nitsch die Vorstöße des Hessischen Wirtschaftsministers Dieter Posch, die Grundwasseranreicherung aus Wettbewerbsgründen zu untersagen. Der Minister verkennt bei seinen Bemühungen ganz eindeutig, dass die Wasserversorger die Verursacher der Waldschäden sind. „Es ist grotesk, dass der Wirtschaftsminister hier das Verursacherprinzip aushebeln und die Zerstörung der Wälder mit dem Argument möglichst niedriger Wasserpreise festschreiben will“.

Angesichts der dramatischen Entwicklung im Wald legte der Leiter der Abteilung Forsten und Naturschutz im Hessischen Umweltministerium, Ministerialdirigent Carsten Wilke, schon vor Jahren die übliche Zurückhaltung eines Spitzenbeamten ab. Im Hessischen Ried unterlägen, so schrieb Wilke in der Fachpublikation „Allgemeine Deutsche Forstzeitschrift“ (15/2007, S. 798-801) wörtlich, „30.000 ha Wald akuten Auflösungs- und Absterbeprozessen“ und alle Ursachefaktoren „zusammen genommen stirbt der Wald mit großer Geschwindigkeit“. Im Jahr zuvor hatten alle Landtagsfraktionen in einen fraktionsübergreifenden Antrag bestätigt, dass das elf Jahre vorher beschlossene millionenschwere „Waldsanierungsprojekt Rhein-Main“ nicht zu der erhofften „Sanierung und Sicherung intakter Waldökosysteme in der Rhein-Main-Region“ geführt hatte (Hessischer Landtag, ULA/16/46  - 09.11.2006).

Daher sind die Forderungen des BUND an die Landespolitik:

  1. Schnellstmögliche Vorlage der 2007 von Staatssekretär Seif in Auftag gegebenen Machbarkeitsstudie zur Grundwasseranreicherung mit dem Ziel der Waldstabilisierung
  2. Umsetzung des Konzeptes von Hessen-Forst aus dem Jahr 2007 zur Wiederaufspiegelung der Grundwasserstände im südlichen und mittleren Hessischen Ried
  3. Konsequente Durchsetzung der Verursacherhaftung gegenüber der Wasserwirtschaft
  4. Durchführung einer Landtagsanhörung zur Aufklärung des Stillstandes bei der „Rettung der Wälder im Rhein-Main-Gebiet“
  5. Vorlage eines jährlichen Berichts über die Fortschritte bei der „Rettung der Wälder im Rhein-Main-Gebiet“

Siehe Bilder und Kurzfassung zur Pressekonferenz: > Themen und Projekte > Wasser > Hessisches Ried

Rückfragen:             
Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen 0170 2277238 oder 069 67737614




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