6. September 2019

Antibiotikaresistente Bakterien in den Gewässern vermindern

BUND fordert Verminderung der Antibiotika-Anwendung (Grafik: Niko Martin)

Eine bakterielle Untersuchung von elf Wasserproben aus hessischen Gewässern im Auftrag des Hessischen Rundfunks hat ergeben, dass antibiotikaresistente Erreger gefunden wurden. In fünf Proben wurden Erreger entdeckt, die gegen drei und in zwei Proben Erreger, die gegen vier Antibiotika-Wirkstoffklassen resistent sind. In sechs Fließgewässern wurden Bakterien gefunden, die keine Wirkung auf die Reserveantibiotika Imipenem und Colistin zeigten. Diese Wirkstoffe werden von Medizinern als letzte Mittel eingesetzt, wenn alle anderen Antibiotika nicht mehr helfen.

„Vor allem die Zunahme der Resistenzen gegen Reserveantibiotika ist ein riesiges Problem. Wichtige Medikamente verlieren dadurch ihre lebensrettende Wirkung! Diese Entwicklung ist die erschreckende Folge der unsachgemäßen Verordnung von Antibiotikatherapien, die die medizinische Versorgung von Nutztieren und Menschen gleichermaßen betrifft“, kommentiert Jörg Nitsch, Landesvorsitzender des hessischen Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Hessen), die Ergebnisse der Wasseruntersuchung. Diese erschreckenden Befunde veranlassen den BUND Hessen zu folgenden Forderungen:

  1. Verbot der Reserveantibiotika in der Tierhaltung
    Die in der Humanmedizin besonders wichtigen Reserveantibiotika sind in den letzten Jahren in steigenden Mengen in der Massentierhaltung eingesetzt worden. „Durch die Haltung von Tieren in Mastbetrieben auf zu engem Raum breiten sich Krankheiten schneller aus, sodass Antibiotika eingesetzt werden, häufig sogar präventiv. Sogar gesunde Tiere bekommen in der industriellen Tierhaltung Antibiotika verabreicht, da meist die gesamten Bestände mit Medikamenten behandelt werden. Zu oft werden dafür jedoch die lebenswichtigen Reserveantibiotika eingesetzt, obwohl ihre Verabreichung in den meisten Fällen nicht notwendig wäre", kritisiert Nitsch das Vorgehen der industriellen Tierhalter. Damit nimmt die Wahrscheinlichkeit der Resistenzbildung gegenüber Reserveantibiotika zu. Infektionen mit solchen multiresistenten Keimen führen in den meisten Fällen zum Tode der Patient*innen. In der Europäischen Union sterben daran schätzungsweise 33.000 Personen im Jahr. Es werden jährliche Kosten von 1,5 Milliarden Euro verursacht. Der weltweit verbreitete Anstieg antibiotikaresistenter Bakterien kann ohne Bekämpfung nach Angaben der Vereinten Nationen zu zehn Millionen Toten weltweit im Jahre 2050 führen.

    Reserveantibiotika dürfen nicht mehr in der Tierhaltung eingesetzt werden. Weiteres Zögern der Politik und Behörden im landwirtschaftlichen Bereich ist grob unverantwortlich.

    Das Problem lässt sich teilweise auch durch die Verminderung der Tierdichte in den Ställen lösen. So können Behandlungen mit Antibiotika vollständig vermieden werden.

  2. Verminderung der Antibiotika-Anwendung beim Menschen
    Es werden häufig Antibiotika vorbeugend oder gegen Erkrankungen verschrieben, die damit nicht behandelt werden können, zum Beispiel Virus-Erkrankungen. Hierbei muss der Therapie-Ansatz geändert werden.

  3. Verbesserung der Abwasserreinigung
    In allen Orten mit Kliniken oder Schlachthäusern ist zu prüfen, ob die gezielte Abwasserbehandlung am Entstehungsort oder in den Kläranlagen und Mischwasserentlastungen effektiver auf die Verminderung des Eintrages resistenter Bakterien in die Gewässer wirkt.

    Die meisten Antibiotika werden im Ausland, besonders in Indien, hergestellt. Dort herrschen bei der Erzeugung katastrophale Zustände im Bezug auf die Abwasserreinigung. So sind die Flüsse, die Pharmaabwässer aufnehmen, zu Brutstätten der Resistenzbildung bei Bakterien geworden. Diese Resistenzen breiten sich durch den Tourismus weltweit aus. So sind bei über 70 % von Indien-Reisenden nach ihrer Rückkehr resistente Erreger festgestellt worden, bei Rückkehrern aus Südostasien waren es 50 %.

    Die Bundesregierung muss sich bei internationalen Programmen zur Bekämpfung der Antibiotika-Krise verstärkt dafür einsetzen, dass bei der Reinigung antibiotikahaltiger Abwässer der Stand der Technik erreicht wird.

  4. Verstärkung der staatlichen Forschungsförderung zur Entwicklung abbaubarer Antibiotika
    Neue antibiotische Wirkstoffe werden durch die pharmazeutische Industrie kaum noch entwickelt, da sie nicht genügend Gewinn versprechen. Hier muss die staatliche Forschungsförderung ansetzen. Soweit vielversprechende Wirkstoffe außerhalb der Industrie entwickelt wurden, wie zum Beispiel an der Universität Lüneburg, muss die Pharmaindustrie die Folgeschritte zur Zulassung und Vermarktung von Medikamenten gehen.

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