11. September 2008

Der Gernsheimer Wald wird dem Absterben überantwortet

Der Gernsheimer Wald wird dem Absterben überantwortet

Regierungspräsident Dieke missachtet den Willen des Landtags – Die Wälder im Hessischen Ried brauchen mehr Wasser

Pressemitteilung, 11. September 2008

"Regierungspräsident Dieke missachtet die ökologischen Sanierungsziele des Grundwasserbewirtschaftungsplanes für das Hessische Ried und gefährdet damit den Gernsheimer Wald", lautet der schwere Vorwurf, den Vorstandssprecherin Brigitte Martin vom hessischen Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) im Zusammenhang mit dem laufenden Wasserrechtsverfahren erhebt. Brisanz hat das Verfahren im Gernsheimer Wald, weil hier für weitere bereits eingeleitete Verfahren die Prüfmaßstäbe gesetzt werden. Ohne eine Erhöhung des Grundwasserspiegels hat der Gernsheimer Wald nach Ansicht des BUND langfristig keine Überlebenschance mehr.

Insgesamt entscheidet sich in den nächsten Jahren die Zukunft von rund 30.000 Hektar Wald im hessischen Ried in Südhessen. "Wir stehen vor einer Weichenstellung", stellt Henner Gonnermann vom BUND klar, der die Probleme aus seiner früheren dienstlichen Tätigkeit als Leiter des Forstamtes Groß-Gerau aus erster Hand kennt.

Der BUND bemängelt, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung auf die Belange des Natur- und Waldschutzes keine Rücksicht nähme, obwohl der Gernsheimer Wald gleich nach zwei EU-Richtlinien als Naturreservat ausgewiesen ist. Weiter sieht der BUND einen Verstoß gegen die Wasserrahmenrichtlinie der EU, weil der Wald entgegen der Rechtsvorschrift im Genehmigungsverfahren nicht als "Grundwasserabhängiges Landökosystem" behandelt wird. Betroffen von dem Wasserrechtsverfahren sind das "FFH-Gebiet Jägersburger und Gernsheimer Wald", das gleichzeitig als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Der Gernsheimer Wald beherbergt eines der wichtigsten Vorkommen des Mittelspechtes in Hessen sowie eine Palette weiterer Spechtarten, Greifvogelarten und Fledermäuse. Eine herausragende Funktion übernimmt der Gernsheimer Wald als bedeutendster Lebensraum des hochrangig schützenswerten Eichen-Heldbocks in Hessen. Diese Käferart ist hochgradig auf starke Alteichen spezialisiert, die im Ried zumeist ein Mindestalter von 160 Jahren haben müssen. Das vorzeitige Absterben der Eichenwälder entzieht dieser und anderen bedrohten Arten den Lebensraum.

Obwohl der Waldzustand sich trotz Inbetriebnahme der Infiltration im Gernsheimer Wald vor nahezu 15 Jahren durch unnatürliche Auflichtung und flächiges Absterben gravierend verschlechtert hat und dieser gravierende Missstand z.B. anlässlich der Tagung des Deutschen Forstwirtschaftsrates im Jahr 2007 einer qualifizierten Fachöffentlichkeit vorgestellt wurde, will das Regierungspräsidium die Grundwasserstände im laufenden Infiltrationsverfahren von aufbereitetem Rheinwasser nicht erhöhen lassen und ignoriert damit die verbindlichen Sanierungsziele des Grundwasserbewirtschaftungsplanes Hessisches Ried. Dort wurden für die Bewirtschaftungseinheit Gernsheim-Allmendfeld, in der auch der Gernsheimer Wald liegt, als verbindliche Ziele die "Sicherung und Sanierung des grundwasserabhängigen Waldbestandes" und die "Sicherung und Sanierung der grundwasserabhängigen Biotope" festgehalten. Beide Ziele ignoriert der Regierungspräsident bisher.

Der BUND kritisiert, dass im Gegensatz zur sonstigen Beteiligungspraxis weder er noch ein anderer Naturschutzverband im für den Verfahrensgang wesentlichen Eingangsverfahren zur Festlegung der Untersuchungsgegenstände und Untersuchungsmethoden, dem so genannten Scopingverfahren, beteiligt wurden. Gleichzeitig wird aus der vom BUND vorgenommenen Akteneinsicht erkennbar, dass in den unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführten Terminen die Kernpunkte der ökologischen Bewirtschaftungsziele und die Notwendigkeit zur Sanierung der südhessischen Wälder völlig ausgeblendet werden.

Der BUND sieht in diesem Vorgehen eine unerträgliche Missachtung des Auftrages, den der Hessische Landtag zur Sanierung der Wälder im Hessischen Ried mit einem einstimmigen Beschluss am 09.11.2006 über die Fraktionsgrenzen hinweg an die Landesregierung gerichtet hat. In diesem Beschluss hat der Landtag über die Einhaltung des Grundwasserbewirtschaftungsplans hinaus von der Landesregierung "besondere Anstrengungen zur Waldsanierung in Südhessen" gefordert. Der BUND stellt fest, dass diese Sanierung eine nachhaltig angepasste Verbesserung der Grundwasserverhältnisse zur Voraussetzung hat. Er fordert, dass das Regierungspräsidium als Konsequenz die dazu gebotenen Schritte in den einschlägigen Wasserrechtsverfahren endlich einleitet und in einem neuen integrierten Handlungskonzept zum Tragen bringt.


Ansprechpartner des BUND Hessen:
Thomas Norgall (Naturschutzreferent)
Weitere Kontaktinformationen finden Sie unter Presse