31. Oktober 2007

Biblis jetzt abschalten - Ergebnisse des Fachkongresses des BUND am 27. Oktober 2007 in Darmstadt

Biblis jetzt abschalten
Ergebnisse des Fachkongresses des BUND am 27. Oktober 2007 in Darmstadt

Pressemitteilung, 31. Oktober 2007

Einen Monat bevor das RWE die Blöcke A und B nach der Erneuerung der Haltedübel für Rohrleitungen Ende November wieder anschalten will und drei Monate vor der Landtags-wahl, bei der die künftige Energiepolitik ein Kernthema ist, hat der BUND Hessen mit einem Fachkongress seine Forderung zur endgültigen Abschaltung der Atomkraftwerksblöcke in Südhessen mit vielen wissenschaftlichen Beiträgen untermauert.

Eine Kernfrage der Atomwirtschaft ist das Risiko großer Störfälle mit einer weitreichenden Freisetzung von Radioaktivität und erheblichen gesundheitlichen Strahlenfolgen, Krebs-erkrankungen, Todesfällen, der radioaktiven Verseuchung der ganzen Rhein-Main-Neckar-Region und darüber hinaus, verbunden mit einem immensen wirtschaftlichen und sozialen Schaden.

Tatsache ist, dass ein solcher Fall nicht auszuschließen ist und angesichts der zahlreichen Störfälle der Biblis-Reaktoren sogar wahrscheinlicher wird. Wie die Physikerin und Strahlenschützerin Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake von der Universität Bremen betonte, zeigen dabei Studien über die Folgen von Freisetzung radioaktiver Stoffe, z.B. bei der Wiederaufbereitungsanlage La Hague oder von Tschernobyl, dass die Strahlenfolgen gemäß der offiziellen Grenzwerte um das 10-100 fache unterschätzt werden. Skandalös ist dabei, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) schon 1959 mit der Internationalen Atomenergieorganisation vertraglich vereinbart hat, dass der Atomenergie nachteilige Forschungsergebnisse geheim gehalten werden dürfen.

Beunruhigend wirkte die Darstellung von Henrik Paulitz, von Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs, IPPNW, wie sich Störfälle häufen und zudem mehrere grundsätzliche Schwachpunkte bei den Reaktoren Biblis A und B vorliegen. Dazu zählen die fehlende unabhängige Sicherheitswarte, unzureichende redundante Sicherheitssysteme, knapp bemessene Flutbehälter und Batteriesysteme. Im konkreten Fall von Störfällen, der schon oft eintrat, kommen Schlampigkeiten, wie vergessene Schutzhelme in Umwälzpumpen, nicht beachtete Sicherheitsleuchten u.v.m. dazu. Besonders kritisch ist die völlig unzureichende Absicherung gegen Flugzeugabstürze. Um der erhöhten Terrorgefahr zu begegnen, soll nun ein Vernebelungssystem installiert werden – ein makrabres Eingeständnis des real hohen Risikos und zugleich der Hilflosigkeit.

Dr. Helmut Hirsch, Physiker, wies in seinem Referat auf die grundlegenden ungelösten Probleme der Atomwirtschaft hinsichtlich Endlagerung des Atommülls und die prinzipiell bestehenden Gefahren der Proliferation und Abtrennung von Bombenmaterial aus Reaktoren hin.

Rechtsanwalt Dr. Peter Becker, Marburg, zeigte auf, dass der Betrieb der Biblis-Reaktoren auch juristisch auf wackeligem Boden steht. Von den beschlossenen Sicherheits-Nachrüstungen sei gerade die Hälfte seit dem Bescheid vom März 1991 abgearbeitet. Klagen privater Personen sind anhängig. Da die Hessische Landesregierung hier die Akteneinsicht verschleppt, werden weitere bauliche und juristische Mängel befürchtet.

Prof. Dr. Klaus Traube – Atomwissenschaftler und Alternativenergie-Experte, verdeutlichte, dass die Atomwirtschaft vielfach überschätzt wird. Weltweit trägt diese nur zu 2,5% und auch in Deutschland auch nur 4% zum Endenergieverbrauch bei. Dreifach höhere Zahlenwerte beziehen oftmals die Abwärmeverluste und die Energieverschwendung der Atomkraft mit ein. Um einen von den Befürwortern immer wieder beschworenen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, müssten mehrere 1000 Atomkraftwerke, auch in Entwicklungsländern und politisch unsicheren Zonen gebaut werden. Auch das Brutreaktorkonzept hat sich als Sackgasse erwiesen. Atomenergie ist kein Beitrag zu einer nachhaltigen Energieversorgung.

Nachhaltige Energieversorgung kann nur mit mehr Energieeffizienz und dem Ausbau erneuerbarer Energien erfolgen, wie der energiepolitische Sprecher des BUND, Dr. Werner Neumann, Altenstadt, berichtete. Gegenüber dem dringend erforderlichen Abschalten der Atomkraftwerke sei auch der Neubau von über 25 Kohlekraftwerken in Deutschland klimapolitisch nicht verantwortbar. Atom und Kohle verursachen immense Schadenskosten, die nicht auf der Stromrechnung stehen. Würden Risiken und Schäden der alten Energien berücksichtigt, wären die erneuerbaren Energien sofort wirtschaftlich. Neumann entwarf ein Scenario, bei dem etwa ein Drittel des Stromverbrauchs eingespart werden kann, zunächst mit Erdgas, dann mit Bioenergie müsse die Kraft-Wärme-Kopplung ausgebaut werden, und spätestens im Jahr 2050 könnten bundesweit Wind, Sonne, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft die volle Stromversorgung übernehmen. Aktuell würde schon das erste „erneuerbare Kombikraftwerk“ konzipiert, bei dem auch die zeitlich fluktuierenden Energiebeiträge sich gegenseitig ergänzen.

Prof. Dr. Olav Hohmeyer, ergänzte, dass gerade der Atomausstieg eine Perspektive für viele neue Arbeitsplätze bieten würde, wenigen Verlusten vor Ort würde ein hoher dauerhafter Gewinn von Arbeitsplätzen in der Region gegenüberstehen.

Die BUND Landesverbände, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern, sowie IPPNW forderten, dass die Atomblöcke A und B in Biblis auf keinen Fall mehr ans Netz gehen dürften. Die atomaren Gefahren seien zu groß und unverantwortbar.

Der Betreiber RWE müsse seine Betriebserlaubnis abgeben. Das Land Hessen dürfte angesichts der immensen Risiken kein weiteres Anfahren der Blöcke erlauben.

Nun gelte es, zielgerichtet und intensiv die Alternativen – Stromeffizienz, Kraft-Wärme-Kopplung und den Ausbau von Strom aus Wind, Sonne, Biomasse und Geothermie voranzutreiben.

Ansprechpartner des BUND Hessen:
Michael Rothkegel (Geschäftsführer)
Weitere Kontaktinformationen finden Sie unter Presse